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dem „Warum," der Ursache, auch zugleich das „Was," das eigentliche ursprüngliche Wesen beantwortet sein dürfte, soweit sich diese Fragen überhaupt beantworten lassen. Wir kommen weiter unten noch darauf zurück; zunächst wollen wir jedoch auf das „Wie" und „Wo," oder — was dasselbe ist — auf die subjektiven und objektiven Bedingungen der ästhetischen Wirkung naher eingehen.
Die subjektiven Bedingungen bestehen darin, daß beim Individuum erstens Kräfte (Bildnngs- oder Bewegungskräfte) in genügendem Maße und Grade überhaupt vorhanden und zweitens, daß sie im gegebenen Falle verfügbar sein müssen. Trifft dieses nicht oder nur in geringem Maße und Grade zu, so ist keine oder nur eine entsprechend schwache ästhetische Wirkung zu erwarten.
Wenn also ein Individuum für irgend eine Lebensbe- thätigung überhaupt kein Organ, oder — wie es in der Sprache der amtlichen Ästhetik heißt — keinen Geschmack hat, so wird auch das stärkste, natürliche oder künstliche Reizmittel keinerlei ästhetische Wirkung erzielen. Sind dagegen die Organe der anatomischen und physiologischen Anlage nach zwar vorhanden, ihre Energie aber im gegebenen Falle nicht oder nur in geringem Maße und Grade disponibel, so bleibt die ästhetische Wirkung eines Reizmittels ebenfalls ganz oder teilweise aus. Das Individuum kann in diesem Falle allerdings seine Organe zur Thütigkeit zwingen, aber es empfindet, fühlt, denkt, handelt n. s. w. dann nicht ästhetisch: es genießt nicht, sondern arbeitet, leidet. Dasselbe kann eintreten, wenn das der Anlage nach vorhandene Organ noch nicht in genügender Stärke ausgebildet ist. So ist oft die physiologische und psychologische Rezeption eines Reizmittels (Kunstwerks u. s. w.) anfangs kein eigentlicher ästhetischer Genuß, sondern mehr oder minder eine Arbeit, Strapaze. Erst später, nach genügender Ausbildung der betreffenden Organe, stellt sich dann der wirkliche Genuß in der Regel ein.
Von selbst werden auch die produktivsten, lebenskräftigsten — den größten Überschuß an Lebenskraft darbieteuden — Individuen, und auch die bestgeübten Organe nicht zur Thätig- keit gebracht. Auch die anscheinend völlig freie Phantasiethütig- keit ist letzten Endes auf irgendwelche Anregung zurückzuführen. Je stärker allerdings ein Organ sozusagen mit Energie geladen ist, desto geringerer Veranlassung bedarf es, um es gleichsam zu entladen: die potentielle Energie in aktuelle zu verwandeln. Solche sogenannten Entlader, Veranlasser, Anreger sind nun die natürlichen und künstlichen — oder auch künstlerischen — Reizmittel, und damit sind wir auf die objektiven Bedingungen der ästhetischen Wirkung gekommen. Betrachten wir diese zunächst ganz allgemein.
Wenn die organischen (von Organen abhängigen) Lebens- bethütigungen (Nerven- und Muskelbewegungen) ästhetischer Art, sogenannte Genüsse — keine Arbeiten — sein sollen, so müssen sie innerhalb gewisser Grenzen der Intensität (Grades) und Extensität (Zahl, Maßes) vor sich gehen. Die Reizmittel dürfen also nicht zu schwach und zu einseitig, aber auch nicht zu stark und zu vielseitig wirken; und man kann in Bezug auf die Intensität eine untere und obere Grenze (Reizschwelle) ziemlich genau Nachweisen.
Kommt ein Reizmittel mit seiner Wirkung noch nicht bis an die untere Grenze (untere Reizschwelle der ästhetischen Wirkung) heran, so wird es — vorausgesetzt, daß es überhaupt die Empfindungsgreuze (die untere physiologische Reizschwelle) überschreitet — nur dann das betreffende Organ zur Thütigkeit (Arbeit) veranlassen, wenn diese von irgendwelchem Nutzen für die Selbst- oder Arterhaltung ist, bezw. es zu sein verspricht: z. B. gewisse für die Selbst- oder Arterhal- tung wichtige Nachrichten (durch Auge, Ohr u. s. w.) vermittelt. Sonst läßt ein solcher Reiz das Individuum völlig gleichgültig, indifferent. Erhebt sich die Wirkung eines Reizmittels gerade noch über die untere ästhetische Reizschwelle, so ist die ausgelöste Empfindung das, was man in der Sprache der amtlichen Ästhetik das Reizende, Nette, Niedliche, Zier
liche, Elegante u. s. w. nennt. Kommt die Wirkung der oberen (ästhetischen) Reizschwelle nahe, so hat mau das sogenannte Erhabene; überschreitet sie auch diese, so tritt offenbare Schmerzempfinduug, mehr oder minder heftiges Leiden ein, und auch hier giebt es eine Grenze, oberhalb welcher Ohnmacht (Empfindungs- und Bewußtlosigkeit) selbst der Tod eintreten kann.
In der Mitte zwischen dem Reizenden und Erhabenen in dieser Beziehung liegt das eigentlich sogenannte Schöne, und dies gilt für die Grenzen sowohl der Intensität als auch der Extensität. Das Schöne ist aber nicht immer das sogenannte Mittelmaß (die aarea ineclioeritas) an Extensität und Intensität einer Lebeusbethütigung, sondern vielmehr das im gegebenen Falle richtige Maß, dasjenige, bei welchem sich das Individuum auf die Dauer am wohlsten befindet. Das bloß Reizende, Niedliche u. s. w. wirkt auf die Dauer langweilig, das Erhabene ermüdend. Bei zu oftmaliger Wiederholung kann freilich auch das stärkste Reizmittel ästhetisch wirkuugsschwach oder wirkungslos werden, und hieraus erklärt sich unter anderem, warum z. B. oft das schlechtere und schwächere Neue intensiver wirkt, als das bessere und stärkere Alte.
Diese Grenzen der Intensität und Extensität sind mehr bei allen Individuen nach oben und unten dieselben. Der eine kann in ästhetischer Beziehung sozusagen mehr oder weniger — auf einmal oder nacheinander — vertragen als der andere. Was bezüglich der Intensität bei dem einen z. B. schon Schmerz ist, kann bei dem anderen noch Wollust sein; was der eine schon reizend findet, läßt den anderen in ästhetischer Beziehung noch gleichgültig. In vielen Füllen sind dies krankhafte Zustände des Empfindungs- und Gefühllebens; mitunter können sich aber auch ganz normale, gesunde und kräftige Individuen ebenso verhalten. Es hängt dergleichen vorzugsweise von jenem unbestimmten Etwas ab, das man Temperament, Rasse, Blut n. s. w. nennt. So ist bei dem einen oft krankhafte Nervosität, was bei dem anderen natürliche leichte Erregbarkeit (eine Folge des hohen Überschusses an Lebenskraft) ist. Ebenso giebt es eine krankhafte und eine natürliche Stumpfheit, Schwerfälligkeit u. s. w.
Es ist nicht notwendig, daß die natürlichen und künstlichen Reizmittel, sofern sie innerhalb der Grenzen der ästhetischen Wirkung bleiben, immer nur ästhetische Empfindungen, Gefühle n. s. w. Hervorrufen. Es kann eine Lebensthütigkeit schön und nützlich zugleich sein, nicht nur dem Genüsse dienen, sondern gleichzeitig mit der Selbst- oder Arterhnltnng in Beziehung stehen. Nur da, wo ein wirklicher äußerer Zwang, ein unumgängliches Bedürfnis gegen den innersten Willen des Individuum die betreffenden Organe in Thütigkeit versetzt, ist der Begriff der Arbeit in voller Reinheit realisiert. Umgekehrt, wenn äußere Reiz- und Erregnngsmittel, die in keiner direkten und indirekten Beziehung mit der Art- oder Selbsterhaltung stehen, gewisse Organe in Thütigkeit versetzen, so ist der Begriff des (ästhetischen) Genusses in voller Reinheit verwirklicht. Unter die ästhetischen Empfindungen, Gefühle n. s. w. rechnet man in der Regel nicht alle ungezwungenen, freien — entweder überhaupt nicht notwendigen oder über das notwendige Bedürfnis hinansgehenden — Erregungen, Bewegungen der Nerven und Muskeln. Fast alle sogenannten niederen Verrichtungen des Organismus, die Thä- tigkeiten der Fortbewegungsorgane (Glieder), die Funktionen des Rückenmarks und der niederen Nerveneentren (der Geschmacks-, Gefühls-, Geruchs- n. s. w. Sphäre) rechnet man, sofern sie über das Selbst- und Arterhaltungsbedürfnis yin- ansgehen, wohl zu den Genüssen, aber nicht zu den eigentlich ästhetischen Genüssen. Konseqnenterweise müßte man jedoch auch sie dazu rechnen, wenn inan ihnen auch nicht gerade einen besonders hohen Rang einzuräumen brauchte. Je mehr nämlich die ungezwungenen freien Lebensbethätigungen mit dem Central-Organ (Gehirn) zu thun haben, je weniger sie physiologischer und je mehr sie psychologischer Natur sind,