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Deutschland.
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desto ästhetischer werden sie, einen desto höheren Rang können sie unter den Genüssen beanspruchen. Bei der Malerei und Musik zum Beispiel teilen sich die ästhetischen Empfindungen in physiologische (Reiz der Farben und Töne an sich) und in psychologische (Kompositions- u. s. w. Reize); bei der Dichtkunst handelt es sich fast nur um psychologische Genüsse. Deshalb kann die Poesie, die sich an die höheren und höchsten Gehirncentren wendet, einen höheren Rang beanspruchen als die bildenden Künste und die Musik. Überhaupt könnte man nach diesem Prinzip nicht nur die Hanptklassen, sondern auch die Gattungen, Arten und Abarten der natürlichen und künstlichen Reizmittel einzeln vornehmen und jeder von ihnen den gebührenden Rang znweisen. Wir wollen uns hier nicht darauf einlassen.
Bei gewissen mit (schönen) Kunsttrieben begabten Tieren und bei Natur-Menschen, die in Bezug auf ästhetische Genüsse nicht oder noch nicht verwöhnt sind, genügen schon ziemlich rohe Licht- und Schalleffekte (bunte Bilder mit schreienden Farben, musikalischer Tamtam n. s. w.), um ästhetische Genüsse bis znm jauchzenden Entzücken hervorzurufen. Bei — wenn auch noch so primitiven — Kulturmenschen ist dazu schon etwas mehr erforderlich. Diese Anforderungen steigern sich mit der Kultur, und ans den höchsten Stufen derselben sind bekanntlich oft die allerkompliziertesten und raffiniertesten Mittel kaum hinreichend, um eine einigermaßen kräftige ästhetische Wirkung zu verursachen. Hierbei kommt allerdings sehr in Betracht, daß die subjektiven Bedingungen der ästhetischen Wirkung (die verfügbaren Kräfte, die Genußfähigkeit) nur in geringem Maße und Grade erfüllt sind.
Wollten wir diesen allgemeinen Betrachtungen über die objektiven Bedingungen der ästhetischen Wirkung: die sogenannten Reizmittel — die Objektivierung des Schönen, Ästhetischen in Natur und Kunst — nunmehr speciellere folgen lassen, so müßten wir, um die Aufgabe erschöpfend zu lösen, das ganze weite und breite Gebiet der Ästhetik, wie es in zwei- und mehrbändigen Werken von Fr. Th. Bischer, M. Carriöre und anderen vorliegt, noch einmal abwandeln. Wer dazu Lust hat, mag dies in Gedanken thun; hier handelte es sich nur darum, für die Beurteilung von Max Nvrdaus „Evolutionistischer Ästhetik" einen Maßstab zu haben, und deshalb mußten wir die vorhergegangenen Erörterungen voransschicken. Kommen wir nun ans unsere eigentliche Aufgabe zurück.
Was zunächst die eingangs berührte Nordau sche Erklärung der angenehmen und unangenehmen Gerüche anbelangt, so wird der aufmerksame Leser sich bereits ein Urteil darüber gebildet haben. Es ist jedenfalls mehr oder minder zufällig, d. h. steht außer allem nachweisbaren Zusammenhang mit anderen bekannten Thatsachen, daß z. B. gewisse Blumendüfte angenehm, ästhetisch, und andere Stoffe, z. B. Fänlnisgase, n8n towilla n. s. w. unangenehm, unästhetisch auf unser Riechorgan wirken; denn bekanntlich ist diese Regel nicht ohne Ausnahme. Abgesehen von krankhaften Zuständen, sowie von individuellen und generellen Verschiedenheiten des Riechorgans oder des gesamten Nervensystems, giebt es bekanntlich — besonders unter den Tropen — Blnmendüfte genug, die auch für normale Nerven und Individuen unangenehm sind; und wiederum Zersetznngsprodukte, die angenehm riechen. Gerade die feinsten Parfümerieen sollen ja ans chemischem Wege aus Kuhjauche u. s. w. hergestellt werden. Dem einen oder dem anderen der Leser ist vielleicht auch bekannt, daß die Hottentotten-Weiber und -Mädchen in Südafrika sich das Gesicht und den ganzen Körper mit Kuhmist einreiben, um ihren Männern oder Liebhabern besser zu gefallen. Hängt dies etwa auch mit der Nordau scheu Theorie vom Blnmendnft und Frühlingsluft zusammen? Es sollte uns jedoch nicht wundern, wenn ein richtiger Darwinianer auch das mit dem Kampf ums Dasein zu- sammendifteln würde.
Warum unsere Geruchsnerven normalerweise so beschaffen, gleichsam so abgestimmt sind, daß die Wirkung der Blumendüfte in der Regel innerhalb, und die der Zersetzungsprodukte
außerhalb der ästhetischen Jntensitütsgrenzen sich hält, — diese Frage aufzuwerfen, ist nach unserer Ansicht ebenso absurd, als wenn jemand fragen wollte: „Warum ist die Rinde der Korkeiche so beschaffen, daß man daraus Stöpsel für Wein- und Bierflaschen Herstellen kann?" Das eine ist eben eine zufällige oder auch nicht zufällige Findung, das andere eine Erfindung, zu welcher die Natur Gelegenheit genug gegeben haben mag. Außerdem spielt bei diesen wie bei allen ästhetischen Empfindungen der sogenannte Geschmack die wichtigste Rolle, und — eie Austillus non 68t clispntnnclnin. Die ihren Meister noch übertreffenden Darwinianer strikter Observanz, die immer sofort mit ihrer Opportunitätstheorie für den Kampf ums Dasein bereit sind, wenn sie etwas erklären wollen, stehen im wesentlichen auf keinem anderen Standpunkte als die Theologen der alten Schule, die alles mit der unendlichen Weisheit und Güte eines persönlichen Schöpfers zusammen- reimen möchten.
Man kann bekanntlich mit den Mitteln einer halbwegs gewandten Dialektik aus nichts etwas, aus etwas nichts, aus weiß schwarz und aus schwarz weiß machen; aber weiß bleibt deshalb doch weiß, und schwarz doch schwarz. Die Dialektik der Darwinianer ist indessen für einen etwas feiner: Geschmack mitunter so plump, daß man sich Wundern muß, wie sie so viele hat bestechen können. Wir werden sofort sehen, wie weit selbst ein Nordau unter dem Banne des Darwinismus von dem geraden Wege der gesunden Logik hat abirren können.
So sagt er (Seite 300) ganz naiv: „Die Lust-Empfindungen, die das Schöne im weitesten Sinne in uns erregt, haben keinen anderen Ursprung als alle übrigen Lust-Empfindungen. Sie sind eine Folge davon, daß das, was wir heute als schön empfinden, ursprünglich entweder dem Einzelwesen oder der Gattung zuträglich oder förderlich war, oder daß die Lebewesen es zuerst in Begleitung zuträglicher oder förderlicher Erscheinungen kennen lernten und mit der Erinnerung an diese organisch gesellten." Nach dieser Berufung auf jene beschränkte, allein selig machen wollende Nützlichkeits-, Opportunitätstheorie, mit der wir uns schon im Eingänge abgefunden haben, teilt Nordau dann die Erscheinungen, die als schön empfunden werden, in zwei große Hauptklassen. Die eure soll mit der Selbst-, die andere mit der Ärterhaltung allein in Beziehung stehen. Zn der ersten (auf die Selbsterhaltung bezüglichen) rechnet er das Reizende, das Erhabene und das Zweckmäßige; zu der zweiten (auf die Ärterhaltung Bezug habenden) das eigentlich Schöne im engeren Sinne und das Niedliche.
Diese fünf Formen will er, wie er sagt, „der Reihe nach untersuchen" und „zu verstehen trachten" (sehr charakteristisch), wie sie mit dem „Selbsterhaltungstriebe des Einzelwesens und der Gattung Zusammenhängen."
Nun sollte man glauben, daß man etwas ganz Neues, Eigenartiges, bisher Unerhörtes zu hören bekäme. Und was ist es? — Genau dieselben abgedroschenen Phrasen, die man irr jedem Kompendium der Ästhethik Nachlesen kann. Mai: höre: „Das Erhabene ist die Empfindung eines ungeheuren Mißverhältnisses zwischen dem wahrnehmenden Individuum und der wnhrgenommenen Erscheinung und der zermalmenden Überlegenheit der letzteren über das erstere." „Alles überaus Große und Mächtige wirkt erhaben." (Ganz gewiß!) „Die der Empfindung des Erhabenen zu Grunde liegende Vorstellung ist die: an dieser Erscheinung gemessen bin ich nichts. Gegen diese Erscheinung sind meine Kräfte verschwindend. Gegen sie anzu- kümpfen, sie zu überwinden ist völlig unmöglich. Müßte ich mit ihr kämpfen, so würde ich vernichtet werden." Nach dieser Erklärung? oder Umschreibung? (man weiß nicht was) des Begriffs des Erhabenen nennt er die Empfindung des Erhabenen eine „nahe Verwandte der Angst" und meint, daß sie sich von dieser bloß dadurch unterscheide, daß sie „neben der Vorstellung der eigenen gänzlichen Ohnmacht" noch die „zweite Vorstellung" enthalte, daß „glücklicherweise eine Bekämpfung der gewaltigen Erscheinung nicht notwendig sei," und