Heft 
(1889) 28
Seite
474
Einzelbild herunterladen

Seite 474.

Deutschland.

28.

dieseihre zermalmende Übermacht nicht thatsächlich znr Über­windung und Vernichtung des wahrnehmenden We­sens gebrauchen wird."

Dieser gewundenen Phraseologie sieht man ordentlich die Verlegenheit an, in der sich ihr Urheber befindet, indem er die nach nnsern vorhergegangenen Erörterungen so einfach und na­türlich sich ergebende Erklärung der Empfindung des Er­habenen mit seinerSelbsterhaltungstheorie" in Übereinstim­mung zu bringen versucht. Es ist freilich hiernach (nach jenen Erörterungen) so begreiflich, wie man bez. des Erhabenen auf eine solcheAngsttheorie" verfallen konnte. In der That, die Angst ist eine schmerzliche Empfindung, und was in der Wirk­lichkeit Angst, Schmerz erregt wie z. B. der Anblick eines brennenden Hauses oder einer Steppe, wenn man sich mitten darin befindet kann im Bilde oder von weitem gesehen sehr wohl das Wollustgefühl des Erhabenen Hervorrufen, weil in diesem Falle die Seele zwar gewaltig erregt werden mag, aber die obere Grenze der ästhetischen Empfindung dabei noch nicht überschritten zu werden braucht.

Was im Leben nns verdrießt,

Man im Bilde gern genießt."

Bei zarten, ängstlichen Gemütern mag diese Grenze aller­dings gerade erreicht werden, und deshalb wissen solche Indi­viduen in der Regel nicht, ob sie sich beim Anblick eines un­gewöhnlich Großartigen, Gewaltigen freuen oder härmen sollen. Nach der NordauschenAngsttheorie" müßten aber gerade zarte, ängstliche Gemüter der Empfindung des Erhabenen am meisten zugänglich sein; und die Erfahrung lehrt doch genau das Um­gekehrte. Gerade die kraftvollen, gewaltigen Persönlichkeiten sind bekanntlich für das Erhabene und dessen Abart, das Tragische, am meisten empfänglich; bei ihnen ist dieses Ge­fühl erst eigentlich ein ästhetisches.

Der in seinem Größenwahnsinn über alles erhabene, voll­ständig blasierte Kaiser Nero konnte freilich über den Anblick des brennenden Rom von der Terrasse seines Palastes aus eine grausige Wollust empfinden, und Napoleon beim Zusnm- menbrechen der Brücke über die Beresina zu einein Scherzworte über die zappelnden und ächzenden Menschenleiber welche die gebrochene Lücke in der Brücke vollständig ausgefüllt haben sollen aufgelegt sein; hier ist aber das Grausige nicht tra­gisch, und deshalb werden edle, wenn auch noch so kraftvolle Naturen hier nicht ästhetisch empfinden. Für verbrecherische, wahnsinnige oder krankhaft überreizte, blasierte Individualitäten ist dies jedoch, wie die Erfahrung lehrt, nicht ausgeschlossen.

(Fortsetzung folgt.)

Grundstge einer zeitgei»Heil Umgestaltung des altsprachlichen Unterrichts

auf den höheren Lehranstalten, namentlich den Gymnasien.

Von

Kcrrt KöHn.

ls vor einigen Jahren zuerst dunkle Gerüchte die Räume unserer Gymnasien durchslogen, daß der Unterricht in den alten Sprachen beschränkt und die gewonnene Zeit dem Deutschen und besonders den Naturwissenschaften zugewandt werden solle, verbreitete sich etwas wie ein Frühlingshauch über die Seelen unserer jungen Zöglinge. Schon glaubte der allzu hoffnungsrasche Geist der Jugend ein goldenes oder wenigstens ein silbernes Zeitalter anbrechen zu sehen, schon be­gann der Alpdruck, an welchen des Schuldienstes ewig gleich­gestellte Uhr das jugendliche Gemüt schon vom zartesten Alter an gewöhnt hatte, nachzulassen und einem freieren Atemholen Platz zu geben, da erlebten wir, daß wir aus einem bleiernen höchstens in ein eisernes Zeitalter versetzt wurden, daß die Sonne, statt die wolkengepreßte Atmosphäre aufzulöseu, sie nur

in durchdringenden und nicht weniger empfindlichen Nebel ver­wandelte. Konnte man im Ernste wirklich glauben, durch die damals getroffenen Anordnungen die wundeste Stelle in un­serem Gynmasialunterrichte, die allzu einseitige Hervortreibung der altsprachlichen Fächer, heilsam für lange Zeit verbunden zu haben? Wohl wurde damals, um die Hauptsachen zu er­wähnen, der Beginn des Griechischen von Quarta mach Tertia verlegt, wohl wurde das ehrlich gehaßte Latein, leider aber auch das ebenso ehrlich geliebte Griechisch um zusammen einige Stunden wöchentlich beschnitten, wohl wurde die Abgangsprü- fnng durch die Bestimmung erleichtert, daß fortan auf dem Gymnasium schon, beim Übergange nach Prima die maßgeben­den schriftlichen Übersetzungen aus dem Deutschen ins Fran­zösische bezüglich Griechische und auf den Realschulen die ins Lateinische angefertigt werden sollten: wohl wurde also derselbe Unterrichtsstoff etwas anders zugeschnitten, da aber die Me­thode dieselbe blieb, so konnte schon deshalb ein großer Um­schwung der Verhältnisse nicht erwartet werden. Aber auch selbst jene Stoffverteilung konnte nicht das leisten, was die theoretischen Gesichtspunkte, nach denen man sie vorgenommen hatte, verlangten. Denn wenn für die Verlegung des Be­ginnes mit dem Griechischen dies beabsichtigt wurde, daß den Eltern noch ein Jahr mehr zur Verfügung stände, zu prüfen, ob der junge Knabe sich mehr für den sprachlich gelehrten oder einen praktischeren Unterricht eigne, so blieb jetzt das Lateinische der einzige Probierstein. Ein jeder Gymnasiast aber weiß aus Erfahrung, wie völlig unzulänglich es ist, aus dem matten Striche, welchen gewöhnlich sein Interesse für diese Sprache mit Quarta auf jenem Steine hervorrust, auf sein Interesse und seine Fähigkeiten im noch völlig unbekannten Griechisch schließen zu wollen. Denn was auch immer dieses au sprach­licher Schwierigkeit mehr bietet, so übertrisst es andererseits das Lateinische so sehr an teilnahmeweckender Schönheit der Form und des Inhalts, daß in den allermeisten Füllen schon der Obertertianer hundertmal lieber seinen .Leuophon als seinen Eüsar, geschweige denn der Sekundaner seinen Homer lieber als den Vergil und der Primaner seinen Plato lieber als den Cicero liest. Es ist zuverlässig wahr, daß von Anfang an ein weit höheres Interesse für das Griechische vorhanden ist als für das Lateinische, und eben dadurch macht sich die größere Schwierigkeit jener Sprache weniger fühlbar, nicht selten sogar in dem Maße, daß ein andauernd schlechter oder mittelmäßiger Lateiner ein guter Grieche ist. Daher scheint es äußerst miß­lich, von der Lust und Liebe, ja auch von der Fähigkeit, mit welcher ein Quartaner das Lateinische aufuimmt, auf seine An­lagen und sein Interesse für den sprachlich gelehrten Unterricht überhaupt schließen zu wollen. Auch wer nur geringe Lei­stungen im Landfchaftsmalen zuerst nufweist, kann deshalb doch ein vortrefflicher Schlachtenmaler werden. Wie soll man die Anlage, das Geschick jemandes zu etwas beurteilen können, ohne ihm Gelegenheit zu geben, sich auf dem betreffenden Felde wenigstens zu versuchen? Aus diesen Betrachtungen scheint es mir verfehlt, das Griechische wie das Englische gleichmäßig mit Tertia zu beginnen, ich halte es für zweckmäßiger, das Griechische wieder nach Quarta zu verlegen. Dies empfiehlt sich auch noch rein praktisch. Durch die Verlegung des

Griechischen wurde derselbe Üuterrichtsstosf von drei Jahren auf zwei zufammengedrüngt und dadurch gerade Tertia zur schwersten Klasse des ganzen Schullebens gestempelt. Was trifft hier nicht nunmehr alles zusammen: die völlig neuen Fächer des Griechischen, der Algebra, der Mathematik, des be­ginnenden deutschen Aufsatzes! Es ist nicht mehr wie billig, daß mau diese Klasse entlaste; denn gerade hier beginnen die Klagen der Überbürdung des jungen Geistes, und gerade hier haben sie in der That die größte Berechtigung.

Aber alle solche Umgestaltungen des Gymuasialuuterrichts, solange sie an der bisherigen Lehrmethode der alten Sprachen festhalten, werden nur von dürftigster Wirkung sein, und wie sehr man derselben satt ist, beweist die Strömung, welche in der Neuzeit so stark gegen den klassischen Unterricht überhaupt