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losschießt. Hat doch erst ganz letzthin das bayrische Ministerium den Angriff znrückgeschlagen, der ans Abschaffung des Griechischen ansging I Und dennoch, welche Lust und Freudigkeit für die alten Sprachen würde bald da herrschen, wo jetzt nur Verständnislosigkeit, Dumpfheit und Überdruss gähnen, wenn man sich entschließen könnte, die Wurzel, alles Übels mit fester Hand anszureißen! Diese Wurzel alles Übels aber sehen wir in der ertötenden Einseitigkeit, mit welcher die paradigmatische Grammatik der alten Sprachen dem Schüler vom zartesten Alter eingedrillt wird, und das durchgreifendste Mittel, derselben zu begegnen, erblicken wir in der gänzlichen Abschaffung der schriftlichen und auch mündlichen Übungen jeder Art, der Exereitien, Extemporalien, Aufsätze im Lateinischen und Griechischen.
Untersuchen wir einmal näher, welchem Zwecke dieselben dienen, und was wirklich mit ihnen erreicht wird. Es wird hier vor allem nötig sein, das Lateinische ins Auge zu fassen; denn wenn dessen Stellung auch nur ernstlich erschüttert wird, fällt schon das Griechische. Aufgabe des Gymnasiums in erster Linie ist es, das klassische Altertum sprachlich und litterarisch, wie es schrieb und wie es dachte, ins Bewußtsein zu Prägen. Nun aber lernt ein jeder, namentlich aber der Schüler, der noch mehr instinktiv summarisch nnffaßt, als mit wissenschaftlichem Verstände sondernd aufbaut, den Geist einer fremden Sprache am raschesten ans möglichst umfassender und dabei eindringender, analysierender Lektüre kennen, und wahrend ihm die grammatische Eigenart derselben oft noch nach jahrelanger Beschäftigung unverstanden bleiben kann, gewinnt er ans der Lektüre schon im Beginne bald den Eindruck des fremden Geistes. Schon daraus erhellt, daß znm mindesten eine para- digmatische Erlernung der Grammatik nur Wert für die Möglichkeit der Lektüre besitzt, und daß diese unter allen Umstünden den Ansschlag geben muß. Aber offenbar muß die Grammatik Wert an sich besitzen, sie soll dem Schüler das Verständnis für die organische Form der Sprache erzeugen. Dies ist aber nicht anders möglich, als indem auch die Elemente der Sprache, die Vokale, die Konsonanten, die Gesetze für die Möglichkeit ihrer Gruppierung und die übrigen allgemein gültigen Form- bildnngsgesetze ihm dargethan werden. So ergiebt sich schon für die Schule eine zwiefache, zeitlich aufeinanderfolgende Betrachtung und Erlernung der Grammatik, die paradigmatische oder empirische als notwendige Grundlage für die Lektüre und später eine theoretische, welche das Verständnis des formalen Baues der Sprache herbeiführen soll.
Diesen beiden Forderungen aber entspricht die Unterrichtsmethode auf unseren Gymnasien nicht im mindesten. Denn von einer Theorie der Grammatik ist weder im Lateinischen noch im Griechischen von Sexta bis Prima außer einigen schwachen, gelegentlichen und deshalb stets fremd anmutenden Ansätzen in letzter Klasse keine Spur vorhanden. Die Grammatik ist trotz aller Mühe ans ihrem Aschenbrödeldasein noch nicht heraus. Wohlan, wir wollen ihr Prinz sein! Wozu sollen nun die schriftlichen und mündlichen Übungen jeder Art dienen? Sie bezwecken einerseits Festigung in der paradigmatischen Grammatik (wozu im weiteren Sinne auch Kasus- und Moduslehre gehört), andererseits praktische Bethütigung des bisher gewonnenen Sprachgefühles. Für das Lateinische aber geht die Absicht noch weiter: hier soll nämlich geradezu eine gewisse Fertigkeit und Sicherheit im schriftlichen Gebrauche der Sprache erzielt werden. Diese erfährt dann auf Per Universität möglichste Vervollkommnung, wobei noch Übung im mündlichen Sprechen hiuzutritt. Was für eine Berechtigung aber hat in unseren Tagen noch diese Praxis des Lateinischen? Nicht die mindeste mehr! Die alten Sprachen sind im vollsten Sinne des Wortes tote Sprachen, und selbst das Lebenslicht des Lateinischen, welches mit so unsäglicher Mühe und mit so jämmerlichem Erfolge künstlich genährt wird, ist für den, der nicht mehr einem knöchernen Gelehrten-Pedantismus angehört, schon längst in xraxi ausgeblasen. Ein jeder weiß, daß das Lateinische heute freiwillig kaum noch von einem
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Gelehrten, und zwar fast nur von einem klassisch Gelehrten gelegentlich geschrieben wird; nur noch in den Muß-Arbeiten der klassisch-philologischen Kandidaten und Doktoranden fristet es ein trauriges Dasein, und das in den klassischen Universitäts- Seminarieu gesprochene, geschweige denn das berühmte Ober- Primaner-Latein von Schillern und Lehrern schmeckt bekanntlich nach der Küche, in der es gebacken wurde. Wir leben heute doch nicht mehr im Mittelalter und zur Neformations- zeit, in denen das Latein die berechtigte Gelehrtensprache war; in dieser Beziehung herrscht heute unter den Gelehrten die vollkommenste babylonische Sprachverwirrung, ein jeder schreibt und spricht in seiner Zunge, und so sehr auch wiederum eine Gelehrtensprache sich empfehlen würde, so beweist doch die jetzige überaus sporadische Verwendung des Lateinischen, daß dieses seine Rolle ansgespielt hat. Fort daher mit den kümmerlichen Brocken einer uralten, schon verdauten Mahlzeit, sie widerstehen gänzlich dem heutigen Geschmack, und es ist hohe Zeit, daß einmal wieder reiner Tisch gemacht wird, damit eine neue, allgemein zusagende Nahrung anfgetragen werde!
Betrachten wir aber die Übung in den alten Sprachen ohne diese praktische Verwendung, die ja doch nur für das Lateinische und selbst hier in einem täglich geringeren Maße besteht, was leisten die Exereitien, Extemporalien, Aufsätze im Verhältnis zum angestrebten Ziel und im Rahmen der Schule? Was die Befestigung in der Formen- und rein grammatischen Satzbildung betrifft, so ist ohne weiteres klar, daß dieselbe Zeit, ans rein theoretische, öftere Wiederholungen der Paradigmata und Regeln verwendet, zumal wenn gelegentlich der Lektüre ans geeignete Beispiele immer wieder hingewiesen wird, eine ganz andere Sicherheit der Kenntnisse auf diesem Gebiete zuwege bringt. Zudem steht es federn fest, daß man ganz gründlich in der paradigmatischen Grammatik beschlagen sein kann und dennoch nur sehr fragwürdige schriftliche und mündliche Arbeiten liefert, und daß umgekehrt gute Extemporalien keineswegs durchaus zuverlässige Kriterien der grammatischen Sicherheit gewähren. Extemporalien werden vielmehr überall und immer nur beweisen können, mit welcher größeren oder geringeren Schnelligkeit verschiedene jugendliche Geister dieselben Kenntnisse an die geforderte Stelle zu setzen vermögen, niemals aber genügend, wie sich diese Kenntnisse bei den verschiedenen verhalten, wenn man diese sonst nicht persönlich kennt. Die Exereitien aber liefern bekanntlich einen noch viel weniger zuverlässigen Anhaltspunkt für die Beurteilung des jeweiligen Standpunktes des augeeigneten Wissens, da bei ihnen auch der sonst selbständigste Schiller sich mit allen möglichen Faktoren, vorgeschritteneren Angehörigen oder Freunden oder einem Privatlehrer oder gar seinen gesamten Mitschülern zur Übersetzung und Kritik verbündet. Exereitien sind daher nur von Wert, wo bestimmte neue, soeben durchgenommene oder wiederholte Regeln eingeübt werden sollen und nur als Vorläufer eines gleichartigen Extemporales, so z. B. in den neueren Sprachen. Vom Standpunkt der Übung in der Befestigung der Formenlehre und der Syntax haben also Exereitien und Extemporalien in jeder Sprache nur einen äußerst fraglichen Wert und stehen weit hinter jeder mündlichen Übung im Übersetzen zurück, weil es hier möglich ist, die Treffsicherheit des Schülers sofort und deutlich zu erkennen und vorkommende Fehler, die allen zu Gehör kommen, sogleich zu besprechen und zu berichtigen. Da nun erfahrungsmüßig in einer Stunde weit mehr mündlich übersetzt wird als schriftlich, und erst recht dies der Fall ist in den zwei Stunden, welche das Schreiben und die Durchnahme der Extemporalien gewöhnlich in Anspruch nimmt, so leuchtet ein, wieviel größer der Gewinn des mündlichen Übersetzens ist. Selbst der nicht in Abrede zu stellende Vorteil des Extemporales, daß jeder Schüler gezwungen ist, das ganze Übungsstück zu übersetzen, während bei der mündlichen Übung nur wenige einen Satz erhalten, ist nicht allzu einseitig zu betonen. Denn es ist leicht möglich, nachdem ein Satz von einem schlechteren Schüler übersetzt und gereinigt war, ihn von einem besseren wiederholen und so in geeigneter Weise möglichst
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