Heft 
(1889) 33
Seite
555
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33.

Deutschland.

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von Zuckungen bis zur vollständigen Unerregbarkeit ermüdet, führt der blutdurchströmte Muskel bis 40000 Zuckungen ans, ohne seine Arbeitsfähigkeit ganz einznbüßen. Zum Teil auf dieser Eigenschaft beruht die merkwürdige Konstanz in dem .Kochsalzgehalt des Blutes! Denn mit dein zunehmenden Salz­gehalt des Magen- und Darminhaltes muß nach rein Physi­kalischen Gesetzen dessen Aufsaugung ins Blut immer almeh- men, endlich ganz aufhören und wässerige Diarrhöe auftreten. Infolge der nun mangelnden Wasserzufuhr aber wird natürlich die Blutflüssigkeit wieder konzentrierter, die Menge derselben und damit der Blutdruck und die Harnausscheidung sinkt, und es liegt somit in diesem Wechsel ein ausreichendes Korrektiv für zu große Wasserverluste des Blutes. Trinkt man umgekehrt zu viel salzfreies Wasser, so wird dasselbe zwar in die Blut­bahn ausgenommen, aber durch die vermehrte Flüssigkeitsmenge steigt die Spannung der Gefäßwände, der Blutdruck, hierdurch wieder die Ausscheidung von Wasser aus dem Blut aus dem Wege der Nieren und Schweißdrüsen.'

Daß auch bei wochenlangem absoluten Kochsalzhnnger das Blut seinen ursprünglichen Besitz an diesem Salz mit einer merkwürdigen Zähigkeit sehr lange festhükt, auch wenn z. B. durch starkes Wassertrinken die Diurese aus das stärkste an­geregt wird, spricht dafür, daß ein Teil des Kochsalzes in einer mvlekülären Verbindung mit den Albuminaten des Blutes steht.

Auch Schenk- hat dargethan, daß das Kochsalz ein not­wendiger und zur Zusammensetzung gehöriger Bestandteil des Blutes ist. Bei mit chlorfreiem Sagopulver gefütterten Ka­ninchen nahm der Gehalt des Blutes an Chlor nur sehr weuig ab; bei einem Hunde, dem er während zwanzig Tagen aus­gekochte Fleischrückstünde gab, uahm der Chlorgehalt des Harns rasch bis auf ein Minimum (0,01 gm am neunten Tage) ab, während der des Blutes fast unverändert blieb.

Es kann daher nicht zweifelhaft sein, daß das Salz einen integrierenden Teil der Blutflüssigkeit ausmache, daß das Salz eineu Teil dieses Organs denn das Blut ist Organ gerade so ansmacht, wie der phosphorsaure Kalk ein Teil der Knochen ist.

Da nun ein Bruchteil des Salzes regelmäßig mit dem Harn" aus dem Körper entfernt wird, da trotzdem bei Salz- hnnger die Zusammensetzung des Blutes nicht verändert wird, so muß das, was vom Blute abgegeben ist, von allen anderen Organen, in denen eine zeitweise Aufspeicherung von Salz mög­lich ist, an das Blut abgegeben werden, um es auf seinem nor­malen Bestandteile zu erhalten. Diese Aufgabe kann während einer gewissen Weile erfolgen, solange der Vorrat reicht; ist dieser aber einmal erschöpft, so muß, da die Ausscheidung be­ständig fortgeht, endlich das Blut in seiner Zusammensetzung verändert werden, was aber gleichbedeutend mit einer partiellen Zerstörung dieses Organes ist. So gut wie der Zahn aufhört ein Zahn zu sein, wenn ihm die Knlksalze entzogen werden, ebenso wird das Blut zerfallen, wenn es ihm an Kochsalz fehlt.

Voit sah einen Hund, der durch L-alzhunger in den höch­sten Zustand der Erschöpfung versetzt war, in Raserei verfallen, längere Dauer des Salzhungers würde unzweifelhaft den Tod herbeigeführt haben. Nach Darreichung salzhaltiger Nahrung dauerte es sehr lange, bis der Körper sich wieder erholt hatte.

Es giebt Gegenden, wo man den Tieren Salz reichen muß, um sie am Leben zu erhalten; z. B. nach Warden" starben in den nördlichen Ländern Brasiliens die Haustiere, wenn man ihnen nicht eine bestimmte Portion Salz oder Salz­sand gab; und nach Roulin ' wurden in Columbien, wenn das Vieh nicht Salz in Pflanzen, in Wasser oder Erde vor-

' Nothnagel Roßbach: Handbuch der Arzneimittellehre, Berlin 1887,

p. 61 .

- Anat.-Phhsioi. Unters. S- 19, Wien 1872.

Über den Einfluß des Kochsalzes auf die Ausscheidung des Harnstoffs siehe: t'omptW rendns 90, 186. Bergt, auch Goruh Besanez: Physiolog. Chemie 1878 j>. Ml.

^ Möglinsche Annalen II- 1847 S. 47.

^ Ibidem.

fand, die weiblichen Tiere weniger fruchtbar und die Herde kam schnell herunter.

Diese Zuträglichkeit der Salzfütterung war auch den Alten längst bekannt, so den Israeliten", den Römern" u. s. w.

Im 18. Jahrhundert äußert sich Buffon über den Wert des Salzes für das Vieh folgendermaßen: «Ts« ln »sulch 1s.8 olisvuux, Is8 nunil<»>8 out sirsors plli8 I>s8oiii gue 11011 8 cks 66 86h <gti Isur slUlt ollsrt 60ININ6 :l88rii80I>I161US1lt cks lsill' umstricke lisicknig'S st oouuus uu piV86i'vutil' eoutrs Ickuuuickits Patricks ckout uou8 1s8 vovoim psrir.»

Heute sind alle Landwirte über den Nutzen der Salzver­wendung in der Viehsütterung einig. Die Salzfütterung dient, wie A. Schmidt hervorhebt, als Vorbeugungsmittel gegen Krankheiten des Viehes, indem es den ganzen Gesundheits­zustand desselben kräftigt. Die Wirkung des Salzes ist vor allem eine anregende, besonders die Verdauung erhöhende, wo­durch eine bessere Ausnutzung der Futterstoffe ermöglicht wird." Ein altes Sprichwort sagt bezüglich der Verdauung ganz rich­tig: man lebt nicht von dem, was man ißt, sondern von dem, was mau verdaut.

Es kann wohl nicht zweifelhaft sein, daß ein gewisser Zu­satz und Uberschuß von Kochsalz, über den unumgänglich nöti­gen Bedarf hinaus, günstige Einwirkungen auf den Körper hervorbringt. Alle Landwirte berichten, daß die pflanzenfressen­den Haustiere besser gedeihen, wenn man ihrem Futter Salz zufügt. Die Tiere fressen nach Bnrral" lieber bei Salzzusatz, was auch die Hunde Kemmerichs ^ zeigten, welche die Fleisch- rückstände mit den Fleischsalzen und Kochsalz gern verzehrten, ohne dieselben aber nicht an Gewicht Zunahmen, d. h. weniger fraßen.

Nach E. Wolfs werden die Tiere durch Beigabe einer mäßigen Menge von Salz zur Aufnahme eines größeren Futter­quantums bestimmt, so daß das Futter durch seine Schmack­haftigkeit an Nührefsekt zu gewinnen scheint. In dieser Be­ziehung wirkt aber das Kochsalz nicht direkt als Nührsalz, sondern indirekt als Genußmittel. Nach den Angaben von Boussingault" übt das Kochsalz bei Rindern keinen wesent­lichen Einfluß auf das Fleisch, Fett und den Milchertrag aus, aber das Salz hatte für das Aussehen und die Beschaffenheit der Tiere entschieden eine günstige Wirkung, was schon Plinius und Haller erwähnen. Man könnte sich auch denken, das

r Jes. XXX, 24.

- Virgil: (ieoichea lib. 11; Cülumella: De re rimtiea VI. 4, 23; Plinius: Diät. mit. lib. XXXI. ned. 41, 88 und X. 93. Bei Plinius lauten die betreffenden Stellen: «keende« ai-meiitagne et sunienta nale maxime mdlieitaiitiii' ad ^aatiim, mnlto larK'iore laste miiltogne amriore etiam in!»«« dote. Deetns potii pinKneseit; ideo 8al illD optDuimim, item vetsrina, cpiangnam et truAe st Verba ; 8ed nt bibere 8is eduiit.» (Vergl. A. Schmidt: Das Salz p. 20.)

Bergl. in dieser Beziehung: Meiste, I- f. Land. XXI I. p. 370. H. Schulz: Pflügers Arch. Physiolog. XXV11. >>. 454. Ans Masanori Ogatas Versuchen (vide Archiv für Hygiene III. 1885 p. 212) über den Einfluß des Kochsalzes und Zuckers auf die Magenverdannng geht mit Evidenz hervor, wie sehr der Zucker die Verdauung verzögert, während Kochsalz dieselbe beschleunigt:

BersnchS-

dauer

Nahrungs­

mittel

Genuß-

mittcl

Unverdaut

Gelöste Subst. iu

Ungelöste Snbst. in Ich im Mittel

Differenz

von

der Norm

1 Ii

100 Pferde­fleisch

6,0 X-r CI

10

00

10

00 IN

00 in

100 dto. 100 dto.

6,0

0,0

32

35

08

05

l

10,5

30 in

100 dto.

10,0 Trau­benzucker

!>0

10

^ 81,5

V 27,5

30 ni

100 dto.

10,0 dto.

73

27

30 in

100 dto.

10,0 Rohr­zucker

72

28

72

13

^ 8tatigiie ebimchns de» animanx, applignee 8pdsial6ment ü la gnssttion de 1'emploi aArieoIs du 8kl p. 430, Paris 1850.

- Archiv für gesamt. Physiologie II. p. 75.

" Vnn. de ebim. st de pch8. (3) XIX. p. 117; XX. >>, 113; XXII. p. 116; Plouvier: 6ompt. rend. XXV. p. 110; Lull, de l'aead. de med. XIV. p. 1077; Dupasguier: .lonrn. de pbarm, et de ebim. (3) IX. p. 339.