Heft 
(1889) 35
Seite
583
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Deutschland.

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die Einwirkung des unmittelbaren Sonnenlichtes überhaupt, oder der Morgen- und Abendbeleuchtung, oder der Mittags­sonne ausgeschlossen wurde. Es ist für den Zweck dieser Zeilen nicht notwendig, im einzelnen näher darauf einzugehen. Als Beispiel sei nur hervorgehoben, daß Stahl unter anderem Lat- tichpflanzen, welche im Freien gezogen wurden, durch Bedeckung mittels eines Brettes gegen mittägliche Bestrahlung schützte, während sie der Morgen- und Abendsonne ausgesetzt blieben. Solche Pflanzen entwickelten die Zeilstellung der Blätter in gleich ausgeprägter Weise wie die, die den ganzen Tag der Sonne ausgesetzt waren. Wenn er dagegen andere Topfstöcke desselben Gewächses derart zwischen Gebüsch brachte, daß sie nur Mittagsbesonnung bekamen, so erreichten sie die Zeilstellung nicht; sie stellten sich aber allerdings auch nicht wie die Blätter gewöhnlicher Pflanzen, d. h. annähernd wagrecht, sondern ihre Oberseiten der im ganzen ja südwärts vorbeiziehenden Sonne zugekehrt. Lattichpflanzen, die vom unmittelbaren Sonnen­lichte gänzlich abgeschlossen waren, verhielten sich dagegen wie andere gewöhnliche Gewächse.

Aus dem Letztgesagten geht unzweifelhaft hervor, daß die besonderen Eigentümlichkeiten der Kompaßpflanzen nur durch den Einfluß der unmittelbaren Bestrahlung geregelt werden, während das gewöhnliche Licht keine Zeilstellung erzeugen kann. Aber auch die Mittagsbeleuchtung der Sonne selbst kann nicht zu einer solchen führen, weil sie selbst nur morgens und abends für derartige Einwirkung empfänglich sind. Zugleich ist daraus zu entnehmen, daß Pflanzen, die bei anhaltend schlechter Witte­rung erwachsen, ihr Laubwerk während dieser Zeit wie andere Gewächse ausbreiten und die schon erwachsenen Blätter nachher nicht mehr in Zeilstellung bringen können. Und eben darum müssen hingegen Pflanzen an sonnigen Standorten oder gar überhaupt in trockenen, weil sonnigen Gegenden diese um so ausgeprägter zeigen, als sie im ganzen weniger prall und voll­saftig, daher Bewegungen leichter auszuführen im stände sind. Stahls Erwartung, daß man in solchen Gebieten mit der Zeit wohl noch eine erkleckliche Anzahl neuer Kompaßpflanzen auf­finden werde, ist daher wohl begründet. Und da solch trockene Gebiete nicht bloß in den Steppen Amerikas gegeben sind, so sei auch die Aufmerksamkeit der Leser dieser Zeitschrift auf hierher einschlägige Beobachtungen gelenkt.

Hütten die Kvmpaßpflanzen nicht die ihnen eigene viel größere Empfindlichkeit gegen Besonnung als gegen ge­wöhnliche Tagesbeleuchtung, so würden sie selbst an den trockensten Standorten im Durchschnitt weit mehr durch die letztere beeinflußt werden; und da diese stets von allen Seiten kommt, würden sich die Wirkungen aufheben, wie es bei der Mehrzahl der Gewächse der Fall ist, und sie müßten überall die gewöhnliche Laubansbrcitung zeigen.

Die Naturforschung, wie sie heute ist, geht aber weiter; sie begnügt sich mit den dargelegten Feststellungen nicht. Sie fragt auch, wie wohl einzelne Pflanzen dazu gekommen seiu mögen, eine etwa vorhandene oder gelegentlich aufgetretene derartige Empfindlichkeit in solchem Grade vor andern Pflanzen zu entwickeln.*

Dazu ist es vor allem nötig sich klar zn werden, ob der geschilderte Vorrang dieser Gewächse vor anderen für sie zu­gleich einen Vorteil bedeute. Und diese Frage kann man unbedenklich bejahen.

Dadurch daß ihre Blätter die am Morgen und Abend erzielte Stellung den Tag über bcibehalten, werden sie von der Sonne um so schiefer getroffen, je höher sie steigt, und

* Die Fraqe nach der ersten Entstehung eines solchen Bor^ ranqs möchte derselbe auch anfangs noch so gering sein- erörtere ich hier absichtlich nicht. Sie berührt einen der Angelpunkte der Dar­winschen Lehre und trifft dabei zugleich ihre schwächste Seite, an der sie einer Ergänzung dringend bedarf, wenn sie wirklich die Aufgabe der Begründung einer Weltanschauung erfüllen soll. Diese Ergänzung ist jedoch seit Darwin und seinen erstell Nachfolgern bereits mit Glück iil Angriff genommen worden.

UM Mittag nur noch ihre Ränder. In ausgezeichneter Weise geht daher Schritt für Schritt die stärkere Sonnenwirkung mit verminderter Empfänglichkeit des Laubes Hand in Hand, und es ist der Mühe wert, sich dies ganz klar zu machen, um die bewundernswerte Gleichmäßigkeit zu erkennen, die durch das einfachste, sich selbst regelnde Mittel erzielt wird. Es ist, als ob diese Pflanzen in einem fast unveränderlichen Tagesklima in Bezug auf Wärme und Feuchtigkeit lebten, während ihre Schwestern ringsum sich dem Wechsel der Witterung unter­werfen müssen. Es ist, wie wenn jemand in einer vorwiegend rauhen Gegend mit einer Lunge ausgestattet wäre, die nur die günstigen Einflüsse auf sich wirken läßt und trotz ihrer Um­gebung stets milde Luft atmet.

Unter Pflanzen derselben Art, von denen ein Teil in ge­ringem Maße zur Kompaßstellung des Laubes neigt, wird da­her dieser um die Mittagszeit regelmäßig vor anderen bevor­zugt sein und sich vielleicht nahezu vollzählig bis zur Samen­reife erhalten, während von den Genossen gar manche durch übermäßige Erwärmung und Verdunstung, infolgedessen aber durch Verdorrung oder doch Dürre des Laubes teils vorzeitig zu Grunde gehen, teils stark in der Entwicklung gehindert wer­den. Hiermit sind die Bedingungen für eine natürliche Aus­lese gegeben, die allmählich das Vordringen in Gegenden gestattet, welche für die Vorahnen ihrer Trockenheit wegen noch unbewohnbar waren. Gehäufte Vererbung des einen Merkmals mußte zu diesem Ergebnis führen und die Schwa­chen zurücklassen. Sie mochten sich in günstigeren Gegenden erhalten und dort mit der Zeit eine Art bilden, die sich von der ursprünglichen vielleicht wieder durch andere Merkmale ent­fernten, erworben auf anderem Wege und durch andere Ein­flüsse und anders gerichtete Auslese. Nur dürfen wir nicht vergessen, daß auch zur Bewohnbarkeit trockener Gegenden viele Wege führen, wie denn in der That auf tausenderlei Art, z. B. durch dichte Behaarung, im Gewächsreiche das gleiche Ziel thatsächlich erreicht wird. Solcher Behaarung ent­behren die Kompaßpflanzen, während sie dafür in ihrer Eigen­tümlichkeit mehr als genügenden Ersatz finden.

Zum Passionsspiel in Gberammergau.

Von

emer

L. ScHönHoff.

I.

Oberammergau, am 20. Mai.

)ls die Passionstragödie 1880 zu Ammergau aufgeführt ' wurde und Verzückte aus allen Weltgegenden im Passions­dorfe zusammenströmten, da verflieg sich der Enthusiasmus anglo-amerikanischen Dame dahin, daß sie für bare 600 Mark das Eselein kaufte, auf dem der Darsteller des Christus, Herr Joseph Mayr, hier kurzweg der Christusmayr genannt, seinen Einzug in Jerusalem hält. Die Käuferin hielt das Eselchen hoch in Ehren. Es lebte ein Jahr, es lebte zwei Jahre, und als es drei Jahre fern vom heimatlichen Ammer­gau geweilt hatte und Herr Mayr bereits des Grautierchens nicht mehr gedachte, da schrieb die Besitzerin des Tieres dem Herrn Mayr die tröstlichen Worte, daß es dem Eselchen immer noch wohl ergehe. Als nach Beendigung der Hauptprobe des diesjährigen Passionsspiels am letzten Sonntag ein Bauer aus der Umgegend von Ammergau in der Schenke gegenüber dem villenartigen Hause des Christusdarstellers saß und Herr- Joseph Mayr gerade vorüberging, das Haupt mit den lang herabwallenden braunen Haaren hochgehoben, Milde und Demut aber in den Blicken, da sprang mein Bauer wie elektrisiert vom Stuhl auf und stammelte mehr, als er rief:Jessas, Jessas, da geaht der Christus!" Und als ihm die Münchener Kellnerin spöttelnd zurief, er möchte sich doch beeilen, um wenigstens den