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Deutschland.
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Rockzipfel des Christusdarstellers zu erhaschen, da lief der Bauer dem Hauptspieler iu der Passionstragödie wirklich nach, aber ereilen konnte er ihn nimmer, und beinahe betrübt kam er zu seinem Platz zurück.
Diese beiden extremen Fülle erscheinen, so kleinlich sie an sich sein mögen, wie zwei verschiedene Pole der Verehrung, die der Passionstragödie geweiht wird. Ans der einen Seite die naive Gläubigkeit, die in dem Hauptträger eines religiösen Spiels den Mann sieht, auf den notwendig auch etwas Heiligkeit übergegangen ist; auf der anderen Seite die raffinierteste Verzückung und ästhetische Schwärmerei. Ans der naiven Inbrunst sind die Ammergauer Pnssionsspiele geboren und in der ästhetischen Verzückung, untermischt mit ein wenig Tartüsferie, werden sie heute noch großgezogen.
Im Passionsdorfe spielt man bei helllichtem Tage; um acht Uhr früh an den Sommer-Sonntagen beginnt die Tragödie und gegen sechs Uhr abends geht sie zu Ende. Das Spiel wird darum auch die schärfere Beleuchtung der Kritik vertragen können, um so mehr, da es in einer ganzen reichhaltigen Litteratur, von Eduard Devrients Buch an bis zu dem jüngst erschienenen „offiziellen Führer" eines Ammerganers, ein massiges Verteidigungsbollwerk besitzt.
In diesem Jahre begeht das Passionsdorf in den bayerischen Voralpen die Feier des fünfundzwanzigsten Deeenniums der Aufführung seiner Passionstragödie. Seit dem Gelöbnis, das die Ammergauer schwuren, als die Pest auch über ihren Thnlkessel hereinbrach, in regelmäßiger Folge alle zehn Jahre die Passionstragödie anfzuführen, ist es jetzt das fünfnnd- zwanzigstemal, daß die Passion öffentlich gespielt wird. Wie schon zu Ende des zwölften und im dreizehnten Jahrhundert die anfänglichen Passionsspiele in den Kirchen und auf den Friedhöfen vorgeführt wurden, so hielt man es auch in Ammer- gan, und erst 1820 wurde zum letztenmal auf dem Triedhosc neben der Pfarrkirche gespielt. Bis dahin hatte sich außer der winzigen Welt, auf die der Felsricse Kofel hcrabschant, fast niemand recht um das Ammergauer Passionsspiel gekümmert. Es war noch keine Reliquie geworden, es hatte noch nicht den weltbewegenden Zauber des Kuriosums auf sich zu lenken verstanden. Rundum in Bayern und Tirol war der Brauch der Passionsspiele allgemach erloschen und es Hütte dazu nicht der Verbote der königlich bayerischen Regierung bedurft, die zu Ansgang des „rationalistischen" achtzehnten Jahrhunderts und zu Anfang des neunzehnten Jahrhunderts aus dem Geiste hervorgegangen waren, daß man mit so heiligen Dingen, wie die Passion sei, nicht Komödie spielen dürfe. Die Zeit war eben zu Ausgang des vorigen Jahrhunderts anderen Idealen reif geworden, und das kirchliche Spiel, von der Kirche selbst im Stich gelassen, starb auch da ab, wo, wie in Tirol, kein behördliches Verbot vorlag. Die Ammergauer hielt das Gelöbnis ihrer Altvordern fest, sie erwirkten für sich Privilegien, die Passionstragödie öffentlich spielen zu dürfen. Als sie aber daran gingen, 1830 zum erstenmal eine eigene Passionsbühne ans einem Platz außerhalb des Dorfes zu bauen, da hatte auch für sie schon das naiv-kirchliche Spiel seinen Inhalt verloren und etwas von jener romantischen Art, die einen David Strauß in den Offenbarungen der Kunst den sehnsüchtig begehrten Ersatz für die religiöse Erbauung finden läßt, trat in seine Rechte. Dazu kommt, daß in den Höhenthülern des bayerisch-österreichischen Grenzgebirges, gefördert durch' die Bemühungen der Klöster, unleugbar ein starker, wenn auch primitiver Zug zu künstlerischer Sinnlichkeit vorherrscht und namentlich ist auch in manchen Dörfern eine entschiedene Vorliebe für das Komödienspiel ans Bauerntheatern verbreitet. Dilettanten geben die „Volksschauspiele" weltlichen Inhalts. Dies vereinigt führte zu der Speeialität des Ober- ammergauer Passionsspiels, und der Speeialität wurde es nicht mehr schwer, die Aufmerksamkeit einer Welt zu erregen. 1840 mußte das Passionsspiel bereits dreimal wiederholt werden, 1850 hatten Schöngeister und romantische Pfleger alles Archaistischen die Stimmung bereits so gut vorbereitet, daß der
Zndrang fremden Publikums vierzehn Aufführungen der Tragödie notwendig machte; und als vollends dann Eduard Devrient und seine Nachfolger auf das Ammergauer Spiel als ein erstrebenswertes Muster einer Volksbühne hinwiesen, genau wie unsere Falckenhainer und Herrig und Pöhnl ans Überdruß an unseren Kunst- und Lnxusbühnen zu rückwürtsgewandten Propheten geworden sind, da stieg das Interesse für die Reliquie ans abgestorbener Knlturepoche ins Angemessene; und heute ist ein Theater erbaut, das mehr als 4000 Plätze faßt und gewaltige Massenentfaltnng auf der Bühne gestattet; heute ist im Markt Oberammergau, der selber nur 1300 Einwohner zählt, für nahezu 6000 Besucher Herberge geschaffen; heute wird das Spiel bis zum 20. September viernndzwanzigmal wiederholt, das Nachspielen an Wochentagen, wenn der Besuch zu stark werden sollte, nicht gerechnet. Heute ließen sich von der Hauptprobe ans englische und amerikanische Zeitungen ausführliche Berichte senden; heute hat sich bereits eine ganze englische Kolonie hier festgesetzt und heute schwimmt das ganze Pfnrr- dorf Oberammergan in einem Komödiantentanmel. Man ist sich dessen hier wohl bewußt, daß man eine Speeialität in rrostbstiom geworden ist und die Dressur arbeitet vortrefflich. Man legt der äußeren Erscheinung den größten Wert bei, kein Schermesser berührt Kopf- und Barthaare; cs muß alles nämlich „echt" sein bei den Ammerganern: und Kaiphas und Annas müssen aussehen, wie sie in der Wirklichkeit sind, und müssen dennoch den Bildern alttestamentarischer Priester entsprechen. Monate hindurch werden eifrig Proben abgehalten und nicht selten dringt dadurch die theatralische Pose und Geste bei Leuten, die nicht genug über freie Intelligenz gebieten, bis ans die Straße und in die Wcrktagsstnbe.
Bei einer Beurteilung des Passionsspiels wird das böse Wort „verhältnismäßig" sich überall vordrüngen. „Verhältnismäßig" ist die Gewandtheit anzustannen, mit der während des Spiels die Massen sich bewege::; an die besten Wirkungen des Meininger Drills darf man aber immer noch nicht denken; „verhältnismäßig" ist es ganz respektabel, wie die Sprecher der Hanptpartieen sich einem großen theatralischen Stil anznpassen suchen; „verhältnismäßig" ist, was die ungeübten Chöre und das Orchester zu Gehör bringen, dem künstlerisch erzogenen, nicht dem künstlerisch verwöhnten Ohr erträglich. Aber man soll uns nicht einreden wollen, daß fleißige Musikanten schon gute Musikanten sind, daß in jedem naiven Stammeln gleich die naive Genialität liege, durch die etwa ein schönes Volkslied geboren wurde. Mit den „Naturdichtern und Künstlern" hat es seine eigene Bewandtnis. Als der greise Goethe in Karlsbad weilte, lernte er in Falkenan einen „Natnrdichter" kennen, einen verkrüppelten, armen, aber bildnngsdnrstigen Mann, der ans einem Rollwägelchen sich mühsam durch die Gassen seines Heiinatstädtchens schleppte. Goethe las einige Gedichte des unglücklichen Menschen, dessen Charakterstärke, die im tiefen physischen Jammer noch Töne idyllischer Heiterkeit fand, ihm wohl Achtung abringen mochte. Er gab dein armen Mann einige mitleidig-wohlwollende Worte und forderte ihn sogar aus, Gedichte ans dem engeren Gebiet seiner Umgebung zu schaffen. Diese Worte Goethes machten den „Natnrdichter" für eine Zeit zu einem weitbekannten Alaune, der auch darauf ein Gedicht über den Hopfenbau in seiner Heimat machte, das trotz seiner Lehrhaftigkeit leidlich hübsch ist. Aber schließlich währt solche Berühmtheit, die nicht in sich, im eigenen Können, sondern von der schmeichlerischen Beleuchtung anderer ihren Wert erhält, nicht allzu lange. Wie es eben zu gehen Pflegt, wenn nicht mit unmittelbarer Ursprünglichkeit ein künstlerisches Ziel verfolgt wird, wenn jede Konsequenz, die man ziehen möchte, dadurch wieder verleugnet wird, daß man ängstlich nach dem Urteil der Fremde hinhvrcht, so geht es auch im Ammergauer Passionsspiel. Man hat den alten Stil unwiederbringlich verloren und keinen neuen gefunden. Zwischen pathetischem Überschwang und naturalistischer Spielweise schwebt man hin und her; die Anlage zur schlichten Auffassung überwiegt offenbar und bezeichnenderweise ergiebt sie sich ganz deutlich da, wo der