Heft 
(1889) 35
Seite
586
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Seite 586.

Deutschland.

35.

Auch Tolstojs letztes Werk beschäftigt sich mit den Frauen und deren Beziehungen zum Manne vor, während und nach der Ehe. Ja, es scheint sogar, als ob der große Russe für das Weib, dessen Emanzipation und Gleichberechtigung eintreten wollte, indem er mit seiner längst und allgemein anerkannten Meisterschaft von der Ehe, wie sie ist, und wie sie sein sollte, spricht.

Es scheint so, sage ich; denn bei näherer Betrachtung muß man etwas erstaunt erkennen, daß der geniale Dichter mag er mir meine Kühnheit gütigst verzeihen daß er selbst nicht recht klar darüber ist, was er denn eigentlich von der Frau will, und wie er sie in der Gesellschaft und in der Ehe hin­stellen soll.

Wie mir scheint, kommt diese Unklarheit daher, daß Tolstoj ganz und gar vergessen hat, daß die Ehe nicht bloß ein sitt­licher Bund zweier Menschen, sondern auch eine gewisse sozial- ökonomische Einrichtung des modernen Lebens ist.

Irgend ein deutscher Kritiker hat einst ganz richtig gesagt, daß der geniale Russe zu den Sternen emporblickt und deshalb die kleinen Steine am Wege übersehen muß." Und doch stol­pert das zerbrechliche Menschenglück am allerersten über diese kleinen Steine der prosaischen Lebensnotwendigkeiten. Die klei­nen Unannehmlichkeiten töten die großen Leidenschaften. Darum können die Theorieen Tolstojs deren Kühnheit so manchen blenden wird uns Frauen nicht überzeugen und nicht helfen.

Wohl hat er mit seiner wundervollen Beobachtungsgabe scharf aufgefaßt und rücksichtslos ausgesprochen, daß die Er­ziehung der Mädchen total verfehlt, ja geradezu unsittlich ist. Mit beredten Worten rügt er die unverantwortliche Gewohnheit der Mütter, welche ihre Töchter vor allem anderen zu lehren sich bestreben, daß die Liebe und die Ehe die Bestimmung der Lebenszweck, ja, die einzige Existenzberechtigung der Frau sei, daß das Weib einzig und allein für den Mann sich bilden und schmücken, lachen und weinen, ja selbst atmen müsse; daß ein Mädchen ohne den Mann nichts sei und nichts leisten könne, und daß jedes Mittel erlaubt sei, um der Gefahr, als alte Jungfer sitzen zu bleiben, zu entgehen. Diese Prinzipien werden in mehr oder weniger schroffer Form jedem jungen Mädchen eingeimpft. Was Wunder, wenn nun alle seine Wünsche nur darauf gerichtet sind, sobald als möglich einen Mann zu kapern. Der ehrbare Zweck heiligt die raffinierteste Koketterie, und rich­tigeFußangeln" werden jedem heiratsfähigen Alaune gelegt.

Dieser Kriegszustand ist gewiß traurig und widerwärtig; doch haben die Frauen für ihr Thun und Treiben eine mäch­tige Entschuldigung in derselben ökonomischen Frage, welche in unserer modernen Welt die meisten Ehen die legitimen so gut wie die anderen zu bestimmen pflegt. Der Mann ist nicht bloß der Gatte, oder der Geliebte; er ist vor allem die Versorgung," und um sich diese Versorgung zu sichern, ge­schehen all die unsittlichen Dinge, welche Tolstoj so empört aufzühlt.Die Emanzipation der Frau vollzieht sich nicht in weiblichen Bildungsanstnlten. auch nicht an der Wahlurne, son­dern im Ehegemach," sagt er. Ich aber glaube, daß diese Emanzipation sich einzig und allein auf dem Arbeitsmarkt voll­ziehen kann.

Was kann dem Weibe Freiheit und Gleichberechtigung bei denidealen Forderungen" nützen, solange es nicht die Fähig­keit besitzt, gleich dem Manne ihr ehrliches Stück Brot mit ehrlicher Arbeit zu verdienen. Wird diese Gleichberechtigung erst durchgeführt, ist erst jedes Mädchen in der Lage sich einen Beruf zu wühlen, welcher es zu ernähren im stände ist, so würde die Unsittlichkeit von selbst aufhören oder zum mindesten sich gewaltig verringern.

Wie steht es aber mit dem Gelderwerb der Frauen?

Ich will von all den Arbeitszweigen, welche die Männer ausschließlich beherrschen und dem Weibe absolut verschlossen bleiben, gar nicht reden. Wird doch selbst die allgemein geltende Frauenarbeit auffallend billiger honoriert als ganz dieselben Leistungen, wenn sie von Männern verrichtet werden!

Ein Mädchen für alles z. B., das kochen, waschen und

scheuern muß, erhält zehn bis vierzehn Mark monatlich, ein Diener vierzig bis sechzig und doch arbeitet die erstere drei­mal soviel wie der andere. Ein Damenschneider wird vier­mal so hoch bezahlt wie die geschickteste Schneiderin. Eine Schauspielerin bekommt die Hälfte der Gage eines Schauspielers desselben Ranges, trotzdem sie die kostbaren Toiletten-Ausprüche aus eigenen Mitteln befriedigen muß, während jede, selbst die kleinste Direktion, ihren männlichen Mitgliedern alle Kostüme liefert.

Warum diese Ungerechtigkeit? Man soll meinetwegen von den Frauen dieselben Fähigkeiten, dieselbe Kraft und Ausdauer wie von den Männern verlangen, man soll sie und ihre Arbeits­fähigkeit einer genauen Prüfung unterziehen, bevor man ihnen eine Stelle oder Arbeit anvertraut; daun aber soll man das Weib auch so bezahlen, daß es die Unsittlichkeit nicht als not­wendige Hilfsquelle zu betrachten gezwungen ist.

Allein die Männer wollen es gar nicht glauben, daß wir ein ernsthaftes Verlangen nach Arbeit haben können. Sie be­lächeln unsere Bemühungen mit einem verschmitzten Hinterge­danken namentlich, wenn wir das Unglück haben, jung und hübsch zu sein.

Ein Mann, der schasst und wirkt, wird voll aller Welt geachtet, ja, man bewundert ihn sogar, wenn er thätig bleibt, ohne dazu gezwungen zu sein. Ein vermögendes Mädchen, welches arbeiten möchte, würde man zum mindesten exeentrisch beinahe für verrückt halten, und die armen müssen nur zu oft die Antwort hören, mehr oder weniger deutlich, auf ihre Bitte um Arbeit:Geld können Sie viel leichter verdienen liebes Kind."

Wie viele arme Geschöpfe sind schon an dieser Unmöglich­keit, sich ehrlich zu ernähreil, zu Grunde gegangen! Wie oft habe ich bei irgend einem Massenunglück Männer ganz an­ständige Männer sogar aus unserer Gesellschaft sagen hören: Die Frauen werden sich schon zu helfen wissen, aber die armen Männer!"

Die Streiks der Bergleute, der Schuhmacher, der Maurer werden ernsthaft behandelt lind ernsthaft diskutiert; den Streik der Modistinnen macht man mit einem frivolen Lächeln und einem zweideutigen Scherze ab:Frauen haben eben ihre eige­nen Hilfsquellen!" Und jeder blinzelt dem Nachbar eynisch zu, und alle Welt weiß, was damit gemeint ist, und doch lacht jeder über denguten Witz" mit.

Wenn ein Buchbinder oder ein Schneider dem Arbeits­geber erklärt, daß er von seinem Lohn nicht leben kann, so er­wägt und bespricht dieser ernsthaft die gestellte Forderung. Käme aber eine Konfektionsmamsell oder eine Kellnerin mit einer solchen Phrase zum Brotherrn, so würde sie voll diesem direkt ansgelacht werden.Ein kluges Mädchen kommt mit jedem Gehalt aus," so oder ähnlich würde die Antwort lauten, welche diese Ärmsten zu hören bekämen, und sie müßten sich ordentlich schämen, es nicht weiter als bis zu einem anständi­gen Mädchen gebracht zu haben.

Kann mail es unter solchen Umstünden den Frauen ver­denken, daß sie den Mann vor allem als ihre natürliche Ver­sorgung betrachten und mit den Mitteln der Verführung nnd Koketterie auf die Gattenjagd ausgehen? Kann man sich wun­dern, wenn die auf solche Art geschlossenen Ehen allstatt Sitt­lichkeit und Liebe, nur Haß, Betrug und Ausschweifung ins Leben, rufen?

Über das zweite Problem, welches Tolstoj in seinein Buche behandelt, über den Einfluß der Sinnlichkeit auf die Liebe und die Folgen der Leidenschaft in der Ehe, läßt sich in einem öffent­lichen Blatte schwer sprechen, doppelt schwer ist es für eine Frau, welche, selbst wo sie das Vorrecht des Geilies die Dinge mit rich­tigen Namen zu nennen, anerkennt, doch immer durch gewisse, allzu heikle Themata unangenehm berührt wird und sich beinahe persönlich verletzt fühlen muß. Eines möchte ich nur sagen, und ich glaube, daß mir alle Fraueil beistimmen werden: Bei all seiner Geuialiät sollte Tolstoj es nicht unternehmen, die Ge­fühle der Frau in solch tief innerlichen Dingen zu analysieren.