Heft 
(1889) 35
Seite
587
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Deutschland.

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Er ist eben ein Mann, nnd in gewissen Empfindungen sind die beiden Geschlechter zu verschieden, um sich verstehen zu können. Er fühlt es selbst, da er die Frauein Vvm Manne abwei­chend organisiertes Wesen" nennt.

Daher muß ich Tolstoj auch in diesem Punkte mehr als einmal widersprechen. Kein Zweifel, daß jede seiner Behaup­tungen unter Umständen wahr sein kann, doch gerade darum sollte man keine zu einer allgemeinen Theorie erheben. Wohl mag es schrecklich sein, sich einem ungeliebten Manne preiszu­geben; eine größere Qual und Erniedrigung ist kaum für ein Weib denkbar. Weshalb sollte sich indessen ein Mädchen schämen, die Umarmung ihres freigewühlten nnd geliebten Gatten mit gleicher Liebe zu erwidern? Wenn es diesen nur immer frei wählen dürfte! Gebt dem Weibe die Möglichkeit, vor allem nicht nach dem Vermögen und Erwerb des Mannes, dem es sich verbindet, fragen zu müssen, dann wird es keine Opfer, keine gesetzlichen oder ökonomischen Gewaltthaten mehr geben.

Tolstoj scheint die Liebe der einzelnen zu einander nicht zu billigen und läßt nur die große, allgemeine Menschenliebe gelten. Es mag ja eine edle Utopie sein allein es bleibt eben nur eine Utopie, zu der ein Mensch sich erst mit sechzig Jahren erheben kann. Und es fragt sich noch, ob mit Tolstojs Lehre der absoluten Keuschheit wirklich die größte sittliche Höhe erreicht wird. Der greise Dichter predigt unter Berufung ans das Evangelium Matthäi die Ehelosigkeit als idealen mensch­lichen Zustand.

Tolstoj behauptet kühn, daß die Liebesleidenschaft im Men­schen nichts als Unbehaglichkeit, Scham, häßlich trübe Stim­mungen und Langeweile erwecke. Unwillkürlich möchte man fragen, ob der große Dichter, der doch selbst Gatte und Fa­milienvater ist jemals geliebt hat?

Scham ist nur bei einer naturgesetzwidrigen Handlung möglich oder zum mindesten bei einem Verstoß gegen die all­gemein anerkannte Sitte. Freilich hat schon manches eine Zeitlang als Sitte gegolten und wurde den Menschen als solche ancrzogen, was dann recht bald als lächerlich nnd verwerflich erschien. In der neueren Zeit scheinen sich einige Schriftsteller zu befleißigen, uns Frauen die Überzeugung beizubringen, daß es eine abscheuliche Entwürdigung sei, warmes Blut und ge­sunde Sinne zu besitzen. Das wird vorübergehen gerade wie die Mode, von Luft und Wasser zu leben, vergangen ist. Ich erinnere mich noch der Zeit, in der jede gebildete Frau einen guten Appetit für roh und nnpoetisch erklärte; diese Ansicht aber hinderte eine solche nicht, ihr gutes Beefsteak mit doppel­tem Vergnügen bei geschlossenen Thüren zu verspeisen. Alan hüte sich, daß es mit der Liebe nicht ähnlich gehe, und daß die Frauen für die so schnell entschwindenden Ehefreuden sich nicht durch geheime Ausschweifungen zu entschädigen suchen.

Es wird entschieden allzuviel über alle diese heiklen Dinge theoretisiert. Die Theater, die Litteratur sprechen über Keusch­heit, Unsittlichkeit nnd eheliche Beziehungen so offen und un­geniert, als ob es sich um ganz einfache Dinge handle. Es ist nicht gut, so viel darüber zu polemisieren. Ich will gern zngeben, daß die meisten Dichter es mit der reinsten Absicht thün; dennoch erregen derartige Erörterungen die Phantasie, lenken die erhitzten Gedanken immer wieder auf die Sinnlich­keit zurück und vermehren nur das Übel, welches man heilen möchte.

Vollends unrecht handeln die großen, den Frauen freund­lich gesinnten Dichter: Tolstoj, Ibsen, Björnson nnd Genossen, wenn sie die Frauen lehren, von ihren Gatten dieselbe Keusch­heit zu verlangen, die man bei einem Mädchen als selbstver­ständlich voranssetzt. Solche Forderungen machen dem Weibe keine Ehre im Gegenteil.

Stolz sollte die Frau sich fühlen, als Trägerin des kom­menden Geschlechtes ein sittlich reines Wesen zu sein, an wel­ches man höhere moralische Ansprüche zu stellen berechtigt ist. Tolstoj beruft sich ja so gern auf das Naturgesetz, wie es sich klar und unvermittelt in dem Tierreiche offenbart. Ein jedes Beispiel ans diesem Gebiete beweist uns deutlich genug, daß

die Natur selbst besondere Kenschheitspflichten dem weiblichen Geschlechte auferlegt habe, lehrt uns aber auch zugleich, wie ihre mütterliche Güte dafür Sorge getragen, die Erfüllung dieser Pflichten möglich zu machen.

Man beschimpft die Frauen, wenn man sie wie Zola es so gern thut als wonnesüchtige Katzen darstellt, deren einziger Trieb die Sinnenlust ist; und lächerlich macht man sie wiederum, wenn man sie, wie Tolstoj,,, als zitternde Opfer der männlichen Brutalität hinstellt, als Überwältigte, die sich dem Gatten mit Angst und Abscheu ergeben.

Auf die Liebe kommt es an. Sie ist das Temperament, der Lebensthermometer des Weibes. Die Liebe ist wie das Sonnenlicht, nur sie färbt die Dinge auf eine oder die andere Weise. Strahlt die Sonne vom Himmel herunter, so erglänzt die ganze Natur in leuchtend prächtigen Farben, ist sie nntergegangen oder durch Wolken verdeckt, so erscheinen die grünen Blätter grau und die hellsten Bäume dunkel.

Nicht das gefährliche nnd unmögliche Fordern der Keusch­heit der Männer muß man die Frauen lehren, sondern ihnen sagen, daß sie die eigene Tugend nicht als eine Schande und Last zu betrachten brauchen, im Falle ihnen keine Ehe be- schieden ist.

Auch der Mann zweifelt nicht daran, daß die Liebe das Schönste und Süßeste auf der Welt ist, daß sie allein das Leben schmückt nnd den Menschen vollkommen glücklich inacht. Doch der Mann weiß es ebenso gut, daß er, wenn es nicht anders geht, auch ohne diese Liebe leben kann. Ist ihm das süße Liebesglück aus irgend welchen Gründen verloren gegangen oder gar nicht beschieden worden, so tröstet er sich mit seinem Beruf nnd mit seiner Arbeit. Der Mann betrachtet die Liebe klugerweise als ein allerdings sehr begehrenswertes, aber nicht unentbehrliches Dessert am Mittagstische des Lebens der Frau dagegen ist diese Liebe das tägliche Brot, ohne welches sie Hungers sterben muß. Geht dem Weibe die Liebe ver­loren, vermag sie die Ehe nicht zu erringen, so ist es rettungs­los dem Sturme preisgegeben und treibt durch das Leben wie eine Barke, ohne Steuer und Ruder. Und so wird es bleiben, solange die Frau nicht überzeugt wird, daß außer der Liebe noch vieles existiert, um dessentwillen es sich verlohnt zu leben. Das ist der größte Fehler der Mädchenerziehnng, dagegen sollten die großen Dichter, die unser Glück im Auge haben, kämpfen.

Lehrt uns einen Berns wählen nnd diesen Berns lieben, verspottet es nicht, wenn wir alsalte Jungfer" freibleiben, und vor allem gebt uns die Möglichkeit, in der Ehelosig­keit uns redlich zu ernähren und nicht in Mäßigkeit und Lange­weile zu verkümmern, dann werden solche Erscheinungen wie Tolstojs Ehepaar Posdnyschew zu den unnatürlichen Aus­nahmen gehören.

Man wird mir vielleicht den Vorwurf machen, daß ich den Dichter für die Ideen seines Helden gewissermaßen ver­antwortlich mache; und man hätte recht, wenn dieKreutzer­sonate" nicht so offenbar eine Polemische Broschüre, nicht eine geschlossene Dichtung wäre. Tolstoj hat so augenscheinlich nnd sorgfältig nahezu jede künstlerische Form vermieden und ver­schmäht, um seinmoralisch psychologisches System" in nnver- hültnismüßiger Breite zu entwickeln, daß man unwillkürlich zu einer polemisierenden Antwort gereizt wird.

Erst am Schlüsse des Buches bei der wundervoll plasti­schen Morderzühlung bricht das Genie des großen Russen gegen seinen eigenen Willen durch, nnd aus dem trockenen Themati­sieren des ersten Teils wird mit einemmal ein lebendiges Trauer­spiel, welches uns so übermächtig ergreift, daß wir alle unsere früheren Einwendungen vergessen.

Bei ruhigem Nachdenken wird es uns allerdings klar, daß durch diese blutige Katastrophe ein Verhältnis gelöst wurde, welches nie zu stände kommen durfte und auch nie zu stände gekommen wäre, wenn die vermögenslose Mutter der Frau Posdnyschew sich nicht gezwungen gesehen Hütte, ihre hübsche Tochter an den ersten besten reichen Freier zu verkaufen.