Seite 588.
Deutschland.
60 .
„Seht hier die Folgen eines unsittlichen, nur auf Sinnlichkeit aufgebnuten Ehebundes," will uns der große Dichter sagen, und er merkt es nicht, daß er uns nichts anderes bewiesen hat, als daß die für die Frauen bestehende Unmöglichkeit, sich selbst zu ernähren, all solchen unsittlichen Ehen allein die Schuld trägt.
Ferdinand Uaimunü.
Zum 1.-Juni 1890.
Bon
WcrtLer H^creLorv.
eben der Zeit, als in Deutschland die geistige Bewegung
einem Gipfelpunkt zugeführt wurde, schlug für Österreich 0^/ die Geburtsstunde neuen geistigen Lebens: im neunten Jahrzehnt des vergangenen Jahrhunderts wurde durch die Vereinigung von Goethe und Schiller der Zielpunkt einer langen Reihe literarischer Bestrebungen erreicht, in demselben Jahrzehnt, erstanden in Ferdinand Raimund und Franz Grillparzer für Österreich die beiden größten Dichter der neueren Zeit. Beiden hat man auch in Norddeutschland Teilnahme und Verständnis entgegengebracht; aber ein glänzendes Schicksal haben sie bei uns nicht gehabt. Erst in den letzten Jahren sind einige Werke Grillparzers auf unseren Bühnen zu wahren Ehren gekommen, und Raimunds Zanbcrspiele harren noch immer ihrer Auferstehung. Nicht genug kann man das bedauern; denn was Ferdinand Raimund schuf, verdiente weite, allgemeine Verbreitung; tief ins Volk müßten seine Werke eindringen; denn was er schrieb, ist fürs Volk geschrieben, aus dem Leben des Volkes geschöpft, im Sinne des Volkes gedacht; dem Volksstück verlieh er ein festes Gepräge, einen wahren künstlerischen Wert; wonach wir jetzt so heiß verlangen: gesunden Humor, volkstümlichen Ernst, volkstümliche Kunst — Ferdinand Raimund hat es uns vor zwei Menschenaltern schon beschert. Und so können wir seiner als eines Mannes unserer Zeit gedenken, wenn unsere Gedanken heute, an seinem hundertjährigen Geburtstage zu ihm schweifen.
Am 1. Juni 1790 ist Raimund in Wien zur Welt gekommen; in engen, kleinbürgerlichen Verhältnissen hat er seine Jugend verbracht; sein Vater war Drechslermeister und es stand von vornherein fest, daß auch Ferdinand ein Handwerk erlernen sollte. Aber dessen Sinn stand schon frühzeitig nach Theaterspiel und Schauspielkunst, und als der fünfzehnjährige Theaterschwürmer nach dem Tode seines Vaters einem Zuckerbäcker in die Lehre gegeben wurde, war's vollends aus mit Lust und Liebe zum alltäglichen Prosaleben eines Handwerkers. „Ich konnte von meinen romantischen Träumen nicht Massen," erzählt uns Raimund in seiner kleinen Selbstbiographie, und er hat sich in seinen frühgefaßten Entschlüssen auch in der Thal nicht wankend machen lassen: schon 1808 sagt er der Zuckerbückerei ade, um sein Heil auf den Brettern zu versuchen. Traurige Tage hat er damals verleben müssen, die romantischen Träume wurden durch bitterste Wirklichkeit abgelöst; er konnte kein Engagement finden, mußte sich endlich einer herumzieyen- den Gesellschaft anschließen und hatte dann gar das Unglück, zu mißfallen; ein Sprachleiden erschwerte ihm seinen Berns auf das empfindlichste — Enttäuschung folgte auf Enttäuschung. Erst 1814 brachen ruhigere Zeiten für ihn an: er erhielt einen Ruf an das Theater in der Josephstadt zu Wien, 1817 an das Theater in der Leopoldstadt und konnte nun seinen Idealen, an denen er so oft hatte verzweifeln müssen, leben. Aber sein Sinn war in den schweren Tagen der Jünglingszeit verdüstert; Schwermut war über den Hartgeprüften gekommen, und der beliebteste Komiker Wiens war daheim verschlossen und ohne Ruhe und Frieden. Das Glück, das ihm seit dem Beginne seiner Thätigkeit an den Wiener Bühnen von Jahr zu
Jahr holder zu lächeln schien, war ihm im Innern seines Herzens nicht beschieden; seine Brust war nicht von Lebensfrendig- keit erfüllt; seine Erfolge machten ihn wohl zeitweise froh, aber für die Dauer vermochten auch sie sein Gemüt nicht zu erhellen; Lust und Schmerz waren immer gepaart bei ihm, Fröhlichkeit und Wehmut gingen Hand in Hand: bald verzweifelnd, bald hoffend war seine Seele gestimmt.
Und aus dieser Stimmung heraus sind seine sämtlichen Werke geschrieben; erheitern sollten sie das Publikum, aber sie rührten es auch zugleich; frohen Genuß des Lebens wollten sie bereiten, aber sie spornten in gleicher Weise auch zu ernstem Sinnen an; ein klares Spiegelbild ihres Schöpfers wurden sie, der gerade durch den Wechsel seiner Stimmungen befähigt wurde, Menschenleid und Menschenlnst im allgemeinen auszulegen, der als ein echtes Kind des Wiener Volkes im stände war, Sitten und Gebräuche des Volkes zu schildern, der zugleich wußte, welche geheimen Träume mnncheinem aus den breiten Schichten der Wiener Bevölkerung vorschwebten, wohin viele die Phantasie führte. Die Wirklichkeit und die Vorstellungswelt des Volkes kannte er und ihre Vereinigung strebte er in seinen volkstümlichen Zanberspielen an.
Acht Stücke hat Raimund ans die Wiener Bühnen gebracht, von 1823—1829 in rascher, regelmäßiger Folge die sieben ersten, dann nach einer Panse von fünf Jahren 1834 das letzte, den „Verschwender;" fast sämtlichen Stücken gab er die Bezeichnung Zanberposse oder Zanberspiel und deutete schon damit an, daß er seine Zuschauer ins Reich des Märchens führen wollte. In diesem Geisterreich sieht's nun gar wunderlich aus; Gestalten aus aller Herren Länder, Figuren der ältesten griechischen und der neuesten deutschen Mythologie erfüllen es; da treten uns hier Amazonen, dort niedliche Elfen entgegen; bald stellt sich uns Apollo in höchst eigener Person, bald wiederum die Hoffnung vor: Druden und die Jahreszeiten haben ebenso gut ihre Rolle, wie die Vipria und die Arrogantia; alles, was nur irgendwie für das Menschenleben bedeutsam sein kann, wird personifiziert und redend eingeführt: die Nacht und der Morgen, die Trägheit und der Blödsinn, die Jugend und das Alter, der Neid und der Haß und selbst der Hochzeitsgott Hymen. Wie in unserer alltäglichen Erdenwelt bestehen nun auch in dem Geisterreich zwischen diesen allegorischen Personen die allerscharfsten Gegensätze: man haßt sich und liebt sich bei den Geistern und Feen, wie bei uns Menschen; man spinnt Ränke und zettelt Verschwörungen an, wie es bei uns geschieht: und wie bei uns hat man seine „Laternbüble" und seinen Briefboten, spielt seinen „Whist," so gut und schlecht wie wir, und kann natürlich eine Leihbibliothek und ein Lesekabinett nicht entbehren. Aber die Bewohner von Raimunds Märchenwelt haben doch auch gar manche Vorzüge vor uns armen Erdensöhnen: sie schlafen in „idealen Bettstätten," spielen mit goldenen Äpfeln, lassen einen Galawagen Vorfahren, der mit zwei Drachen bespannt ist, und fliegen durch die Luft, so oft und so schnell sie wollen. Sie besitzen Landschaften, die durch die mannigfaltigsten Reize verschönt sind, bewohnen Gegenden, die in ägyptischem oder indischem Geschmacks ausgestattet sind, lustwandeln in Gärten, die in allen Farben schillern; Blütenpracht nmgiebt sie, ans goldenen Sesseln thronen sie, in marmornen Palästen wohnen sie; sie hören die schönste Musik und ergötzen sich an unübertrefflichen Gedichten ihrer Hofpoeten: sie schöpfen aus wnnderthütigen Quellen und vermögen heute diese, morgen jene Gestalt anzunehmen. Trotz ihrer Vornehmheit und aller Wnnderkräfte, die sie besitzen, bleiben sie im Grunde ihres Herzens aber doch — vergnügliche Wiener Kinder! Sie machen oftmals einen Wiener Lokalspaß, sprechen vom „klein' Eduardel," und einer aus ihrer Schar- Hat sogar den Wiener Dialekt als Hofsprache eingeführt. Dieses Wienertum der Geister ist von Raimund da, wo er es mit Konsequenz durchgeführt hat, für komische Wirkungen stark ansgebeutet. Wie drollig ist es, wenn wir den König Tutu zu seiner Tochter sagen hören: „Du, das wird ohne Spektakel nicht angehen. Wenn Du den Weibern ihre Schönheit attackierst,