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Deutschland.
44.
„Fräulein Christa! Ei — wie sehen Sie aus? — So-
so — — hübsch!"
„Nun, wenn man erst zum lieben Gott geht und dann zum Frühling!" Sie lief eilig davon, denn ihr wollte es scheinen, als ob Bertholds Staunen nicht nur ihrem frisch gewaschenen Kattunkleide gelte. Sah sie denn hübsch aus? Das hatte ihr noch niemand gesagt. Und wenn sie sich auch eitel schalt, so warf sie doch einen prüfenden Blick in den Spiegel. „Die Freude — die Erwartung," flüsterte sie, als sie gewahrte, daß ihre Wangen frischer aussahen wie sonst, und etwas wie Frühlingsschimmer in ihren Augen lag.
Da läuteten die Glocken, jeder Ton erschien den drei langsam zur Kirche schreitenden Menschen heute noch einmal so feierlich wie sonst. Bisher waren Frau Dobeneck und Christa stets zusammen, Berthold aber allein gegangen. Gemeinsam betraten sie das Gotteshaus. Christa und Berthold sahen in ein Gesangbuch, für die Mutter war es bequemer, wenn sie ihr eigenes benutzte. Wich der Prediger sprach vom Frühling, und währenddessen sah Christa im Geiste immer Berthold aus der Kanzel stehen, und dabei hörte sie seine schöne Stimme, wie sie sich beim Gebet entfaltete. — Der da oben sprach rauh, dabei zu laut, und Berthold würde des Lenzes sinniger gedenken.
„Wer war denn das?" fragte Christa beim Hinausgehen, als ein langer, hagerer Herr gemessenen Schrittes an ihnen vorüberging und sie scharf ansah, während sie, in der Erwartung der kommenden Freude, eilig vorwärts strebten.
„Der Professor Gösöbius," entgegnete Berthold.
„Er blickte uns so erstaunt an."
„Ich glaube, er ist kurzsichtig."
Noch einmal mußten sie in die enge Straße zurück. Christa und Berthold stiegen die steile Treppe hinauf und kamen bald beladen zurück. Christa hing Stein die gefüllte Botanisiertrommel ihres seligen Vaters um, sie selbst nahm einen Korb und für die Mutter war der, noch von der Großmutter stammende gestickte Pompadour gepackt worden.
„Sind wir's nur?" fragte Berthold, als sie so beflügelten Schrittes dem Häusermeere entflohen.
„Sind wir's nur?" fragte sich auch Christa, denn sie kam sich wirklich vor, als wäre sie nicht mehr die alte ernste, in sich gekehrte Christa.
„O, wie das grünt! Wie das blüht! — Mutter! Berthold! — Ah — ah, der Duft, das Entzücken!" Sie breitete die Arme ans, ihr Auge weitete sich, uud mit tiefen, vollen Atemzügen sog sie den Frühling ein. „Ich möchte weinen!" Und Thränen der Wonne rannen über ihre Wangen.
Frau Dobeneck sandte einen dankbaren Blick nach oben, und Berthold fragte sich jetzt: „Ist sie das nur, Christa? Ist es nur wirklich dieselbe?"
Ja, Christa war's. Die Christa, welche in ihr schlummerte, hatte der Frühling erweckt. Langsamen Schrittes strebten sie dem Walde zu. Die weiten, weiten Wiesen, gelb, weiß, rot, lila, blau, mit Tausenden von Blumen überstreut, mußten überschritten werden. Dabei pflückte Christa, was ihr unter die Finger kam, Berthold that dasselbe, und auch die Pastorin raffte zusammen, was blühte.
Nun winkte kühler Waldesschatten; weiche Moose, zum Teppich gewoben, bedeckten den sanften Hang, und maigrüne
Buchenblütter, zu Tausenden und Abertausenden vereinigt, bildeten ein luftiges, schützendes Dach. — Käfer schwirrten-
Bienen summten — — und Vögel zwitscherten Liebestiradcn.
„Was sind wir doch für glückliche Menschen!" — rief Christa überwältigt, und endlich, endlich einmal der Arbeit ledig, frei des Stubenzwanges, dem Käsig entschlüpft, ließ sie sich auf die Moosdecke niedersinken.
„Was sind wir doch für glückliche Menschen!" flüsterte auch Berthold. «Wir? Wir?» fragte eine Stimme in seiner Brust. Christa, die Mutter — und — er —. Ja. er! — Wir, hatte sie gesagt. — Lange, lange, seit der Eltern Tode hatte kein Mensch sich ihm durch ein «wir» zugesellt.
Wie mächtig ihn das ergriff. Dafür mußte er Christa danken, und leise erfaßte er ihre Hand, mit der sie sich auf die Erde stützte, und drückte sie sanft. — Sie sah ihn an, groß und fragend; es war, als ob ans ihren Augen ein Quell des Glückes entspränge. — Aber jetzt zog sie die Hand hastig zurück und wühlte in den Blumen.
„Schmücken wir uns znm Mahle, wie es die genußsüchtigen Römer thaten." Christa wand Sträuße, kränzte Bertholds, dann ihren eigenen Strohhut, ja selbst die Frau Pastorin mußte es sich gefallen lassen, daß sie ihrer bereits ins Grau spielenden, vorweltlichen Spitzenkapotte durch Vergißmeinnichts und Butterblumen ein frisches Ansehen gab. Jetzt wurden den Behältnissen die mitgebrachten Genüsse entzaubert und ein Tischchen-deck-dich erstand, wie sich's weder Frau Dobeneck noch Berthold hatten träumen lassen.
Waldesduft und Waldeslust würzten die Speisen. Drei fröhliche Menschenstimmen wetteiferten mit den befiederten Sängern des Waldes um den Preis der Lieder.
Plötzlich sprang Berthold auf und zog den Hut. Der Professor Gösöbius, derselbe, welcher ihnen heute nach der Kirche begegnet war, ging mit einigen anderen Herren vorüber und streifte die Gruppe mit seinem fragenden Blicke.
„Nun, vergnügt Herr Stein?" fragte er leichthin.
„Sehr, Herr Professor, sehr!" entgegnete Berthold aus vollem Herzen.
„Freut mich."
Herr Gösöbius ging weiter, und Berthold lagerte sich wieder neben Christa.
„Ich mag den Mann nicht," sagte diese, in ihrer frohen Laune ein wenig herabgestimmt.
„Aber weshalb nicht?" fragte Berthold.
„Das kann man oft nicht sagen," entgegnete Christa, welche jedoch bald, ebenso wie die Pastorin und Stein, das Erscheinen des Professors vergessen hatten.
„Das war ein schöner Tag, Berthold," sagte Christa, als sie spät am Abend Steins Gutenachtsgruß erwiderte.
„Möge er recht oft und recht bald wiederkehren, Christa," gab er zurück.
„Nein, nein. Der Wunsch wäre zu unbescheiden und — Sie wissen doch — arme Leute müssen bescheiden sein — sonst — —"
„Sonst?"
„Sonst ist ihr Glück dahin."
„Sie haben recht, Christa. — Armut und Glück vertragen sich nur, wenn sie die Bescheidenheit als Dritte in ihren Bund aufnehmen."