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Deutschland.
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„Und dann oft besser wie Reichtum und Glück. Gute Nacht, Berthold!"
„Gute Nacht, Christa!"
Sie reichten sich die Hände, ließen sie länger ineinander liegen wie sonst; fühlten sie doch, daß sie sich heute näher gerückt waren, wie in dem bisherigen vielfachen Beieinandersein von Wochen und Monden. — Das that der Mai!
III.
Ein so schöner Tag kehrte nicht wieder. Berthold arbeitete unermüdlich. Der Trieb, sein ersehntes Ziel zu erreichen, war noch mächtiger in ihm erwacht wie bisher, und die wohlthuende Unterbrechung durch jenen herrlichen Ausflug in den maien- grüncn Wald mochte die Arbeitskraft in ihm neu belebt haben. Auch Christa und ihre Mutter führten die Nadel jetzt fast noch fleißiger als ehedem, sie sahen sich jetzt mit ihrem stillen Mieter wie früher wieder nur bei den Mahlzeiten. Nur die gemeinsamen Kirchgänge waren hinzugekommen.
„Lebt Ihre Familie hier, Herr Stein?" fragte bei irgend einer Gelegenheit der Professor Gösöbius.
„Nein. Ich habe leider keine Familie mehr."
„Aber ich sehe Sie doch öfters mit — —"
„Das ist meine Wirtin, Frau Pastor Dobeneck."
„Und das junge Mädchen, welches Sie stets begleitet?"
„Ihre Tochter, Herr Professor."
„Sv! So!"
Berthold Stein hatte unter seinen Stndiengenossen keinen Freund gefunden.
„Aber Sie haben ja gar keinen Umgang?" fragte ihn einmal ein anderer Student.
„Nein — allerdings —"
„Haben Sie denn gar nicht das Bedürfnis dazu, irgend einen Freund zu besitzen?"
„Das hat sich bei mir wohl oft geregt, aber ich habe weder Zeit noch Geld, um die Freundschaft zu pflegen."
„Nun, und unterhalten sind Sie ja durch ihre Wirts- lente," bemerkte der junge Mann mit einem Anfluge leichten Spottes.
„Ja, das bin ich. Es sind liebe, prächtige Menschen," entgegnete Berthold treuherzig und unbefangen wie ein Kind.
Nun waren wieder Monate vergangen. Berthold hatte große Fortschritte gemacht, das fühlte er selbst, und jetzt beschäftigte ihn hauptsächlich eine Arbeit über die Kirchenväter.
„Wenn die mechanische Thätigkeit, das Aufsuchen der Namen und Jahreszahlen nur nicht so viel Zeit in Anspruch nehmen wollte," äußerte er einmal Christa gegenüber.
„Vielleicht könnte ich Ihnen dabei helfen, Berthold?"
„Wenn Sie das wollten? — Aber Ihre kostbare Zeit, Christa?"
„Die findet sich schon, und eine Abwechslung würde mir gut thuu."
„Nun denn in Gottes Namen."
Manche liebe Stunde arbeiteten sie jetzt nutzbringend gemeinsam, heute jedoch wollte es Berthold nicht von der Hand. Er fühlte sich matt, klagte über Kopfweh und ging früh zu Bett. Am nächsten Morgen lag er im Fieber, die Besinnung schwand, ein schwerer Typhus hatte ihn heimgesucht. Wie lange er so gelegen, wußte er nicht, sein erster, bewußter Blick fiel auf Christa.
Sie hatte ihn gepflegt, ihr dankte er sein Leben, das fühlte er, das sagte ihm ihr Händedruck und das glückliche Lächeln, welches ihr Gesicht verschönte. Der Arzt erschien, Erfrischungen, Heilmittel wurden Berthold gereicht. Aber woher kanr das Geld zu alle dem? Aus seinen Einnahmen bestimmt nicht. Das quälte, das beunruhigte ihn, und es bedurfte der ganzen Überredungskunst Christas, seinen Gedanken endlich eine andere Richtung zu geben.
„Sie gaben es, Frau Dobeneck," sagte Berthold, als er nun aufstehen durfte.
„Christa hat es verdient," entgegnete diese.
„Christa! Liebe Christa!" Berthold streckte ihr die abgemagerte Hand entgegen. „Wie habe ich Ihnen das zu danken? Wie — soll ich Ihnen das wiedergeben?"
„Der liebe Gott hat uns zusammengesührt, Berthold; sollte ich da nicht thuu, was in meinen schwachen Kräften stand?" Mehr sagte sie nicht; aber ihr Auge ruhte dabei fast zärtlich auf ihm. „Danken wir Gott, daß er mir Kraft gab, die Mittel zu erschwingen."
„Und bitten wir ihn, daß ich es Ihnen lohnen kann," setzte Berthold voller Innigkeit hinzu. Nun genas er bald vollständig, konnte zu seinen geliebten Büchern zurückkehren, und die Prüfung sowie die spätere Anstellung schwebten ihm wie ein rettender Engel vor, der es ihm ermöglichen würde, seine Schuld an die lieben, lieben Menschen, welche bereitwillig ihre Armut mit ihm teilten, abzutragen.
So verging die Zeit im arbeitsamen, trauten Beieinander. Eins mit Frau Dobeneck und Christa, war Berthold der erste- ren unmerklich ein lieber Sohn, der letzteren ein treuer Bruder geworden. Das sagten sich die drei durch Liebe und Achtung vereinten Menschen wenigstens; aber oft wallte es in Berthold anders wie brüderlich auf, und die Gefühle, welche Christa zu dem jungen Studenten hinzogen, gingen über die einer Schwester zu ihrem Bruder weit hinaus. Beide fühlten das mit Schrecken; aber es war ein freudiger Schreck, den sie um nichts in der Welt Hütten missen mögen.
Heute erschien Stein nicht zu Tisch. „Berthold! Berthold!" — Christa klopfte vergeblich an seine Thür, keine Antwort erscholl, nur leises, unterdrücktes Schluchzen schlug an ihr Ohr. „Berthold! Was ist Ihnen?" Damit öffnete sie entschlossen die Thür und trat ein. Er lag auf dem Bett, das Gesicht in die Kissen vergraben, und wand sich wie unter großen körperlichen Schmerzen.
„Lies, Christa. Lies!" klang es stöhnend, und dabei reichte Berthold ihr einen Brief. — Er hatte sie „Du" genannt. Zum erstenmal in seinem Leben, in seinem Kummer fühlte er sich eng mit ihr verbunden. Trotz des Mitleids für den armen, leidenden Freund empfand Christa dies mit beseligendem Entzücken. Nun erst entfaltete sie das Schreiben und las.
„O mein Gott! Armer, armer Berthold!" Laut weinend sank sie auf die Bettwand nieder und legte ihre Hand tröstend auf Bertholds Kopf. Eiu wonniges Etwas durchrieselte dabei seinen Körper, unter Thrünen sah er beglückt zu ihr auf. Der Onkel Bertholds, welcher bis jetzt die Kosten seiner Studien und seines Lebensunterhaltes bestritten hatte, war ohne Testament gestorben, und die Vormundschaft der hiuterlassenen Kinder zeigte ihm an, daß der Zuschuß nun in Wegfall kommen müsse. Wie eine Erstarrung lag es auf den beiden. Hand