Heft 
(1889) 44
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716
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Deutschland.

44.

in Hand saßen sie gesenkten Hauptes da. So traf sie die Mutter.

Da erhob sich Christa. Die Not stärkte ihr den Mut und die Thatkraft.Gott ist allmächtig. Er speist die Hung­rigen und tröstet die Bedrängten, und wird auch uns nicht verlassen!"

Uns?! Uns, Christa?" Berthold sah wie zu einer Heiligen zu ihr auf.

Uns!" gab sie fest zurück. Jetzt erschien das blasse, kränkliche Mädchen Berthold schön; aber er schüttelte weinend, wehmütig den Kopf.

Was bedeutet denn das nur?" fragte Frau Dobeneck endlich.

Scheiden von von ach mein Gott!"

Christa wußte, was ihm auf den Lippen schwebte, ihr ent­zücktes Herz sagte es ihr; aber sie dankte Gott, daß er's nicht ausgesprochen hatte.

Berthold gab endlich nach und wollte fürs erste wenig­stens noch bleiben. Ein geringes Stipendium wurde ihm zu­erkannt, einige Privatstunden brachten ihm drei Mark in der Woche, die beiden Fleischtage wurden auf einen herabgesetzt, die kleine hochgelegene Wohnung mit einer kleineren noch höhe­ren vertauscht-und es ging es ging, wenn auch der

Hunger freilich oft nur durch trockenes Brot und Kartoffeln gestillt werden konnte.

Ich muß Euch verlassen," flüsterte Berthold eines Tages Frau Dobeneck zu, als er sah, wie beide Frauen bis tief in die Nacht hinein nähten.Es ist Kirchenraub, den ich an Euch begehe."

Berthold bleib-denn-" sie schluchzte

lautSie sind mir ein Sohn geworden -- und Christa"

Mutter," flüsterte Berthold, die alte Frau inbrünstig umschlingend und ihre feuchten Augen mit Küssen bedeckend. Mutter, heiß geliebte Mutter!" Und er trat Christa freu­dig entgegen und blieb.

(Schluß folgt.)

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Von

Aleöicus.

I.

^^N ärztlichen Kreisen erwartet man mit Spannung die in den nächsten Monaten zu fassenden Beschlüsse, die eine Neugestaltung der medizinischen Prüfungen herbeiführen werden. Es hat sich herausgestellt, daß die jetzt im Staats­examen der Ärzte gestellten Ansprüche den praktischen Bedürf­nissen nicht mehr entsprechen, und die neu entstandenen Ärzte­kammern waren die ersten, die in dieser Hinsicht Wandlung verlangten.

Die Frage, um die es sich hier handelt, interessiert weit über die eigentlichen Fachkreise hinaus und verdient im eigen­sten Interesse des Publikums, nicht minder freilich auch des ärztlichen Standes, einer öffentlichen Diskussion.

Bei einem Vergleich des medizinischen Studiums in Deutsch­land und in Frankreich drängt sich uns die Überzeugung auf, daß aus unseren medizinischen Hochschulen die Ausbildung eine

wesentlich theoretische ist, während die Franzosen mehr die prak­tische Ausbildung im Auge behalten.

Wann beginnt denn nun diese Verschiedenartigkeit der Lehr­methode? Deutsche und Franzosen müssen dieselbe Vorbildung besitzen, wenn sie znm medizinischen Studium zugelassen werden wollen; sie müssen dieselben Gegenstände lernen, auf der deut­schen sowohl wie auf der französischen Universität; und werden schließlich, wenn sie die Berechtigung zur Ausübung der ärzt­lichen Praxis erlangen wollen, fast nach ganz gleichem Maß­stabe geprüft. Und dennoch ist der Unterschied ein ziemlich großer.

Daß der französische Student, wenn erBachelier" ge­worden sonst wird er an der Universität nicht eingeschrie­ben meist älter ist als der deutsche Abiturient, sei nur neben­bei erwähnt, obwohl es nicht ganz gleich ist, ob man die Me­dizin mit siebzehn bis achtzehn oder im Alter von zweiund- zwanzig Jahren zu studieren beginnt. Was aber gewöhnlich vergessen wird, ist die Thatsache, daß der Franzose viel länger studiert als der Deutsche; während wir hier in Deutschland meist vier und ein halbes Jahr studieren, und in diese neun Semester wird auch dasjenige eingcschlossen, in welchem der Militärpflicht genügt wird sind die französischen Studenten verpflichtet, sechs Jahre ohne irgendwelche Unterbrechung auf der medizinischen Fakultät und ans den Krankenhäusern und Kliniken zu verbringen, bevor sie zum Praktizieren zngelassen werden. Wer wollte da ein Plus von zwei Jahren Studiums geringschützen?

Nun besteht aber noch ein Unterschied, der unseres Er­achtens der bedeutendste und folgenschwerste ist. Wir haben es bereits oben erwähnt, daß auf den medizinischen Fakultäten Frankreichs der praktischen Äusbildnng des Arztes mehr Auf­merksamkeit geschenkt wird, als auf den unserigen. Von der richtigen Voraussetzung ausgehend, daß der Arzt in erster Reihe Praktiker sein müsse, hat man in Frankreich das sog. Internat" undExternat" an den stets mit der Universität verbundenen Krankenhäusern eingeführt. Diese Einrichtung be­steht darin, daß die Studenten auf Grund einer von ihnen ab­zulegenden Prüfung als Hilfsassistenten an dem Hospital aus­genommen werden, wo sie aber mir ein halbes Jahr verbleiben dürfen, mit Rücksicht darauf, daß es auch die anderen er­langen. Die Einteilung ist derart, daß jeder Student in den letzten drei Jahren seines Studiums die ersten drei Jahre sind der Anatomie, Physiologie, Physik, Chemie, Zoologie und Botanik gewidmet je ein Jahr auf der inneren, chirurgischen und Frauenklinik znbringt, das erste Halbjahr außerhalb der Klinik wohnend, das zweite in der Klinik, wo er außer der Verpflegung auch noch wenn er bedürftig ist - ein monat­liches Honorar empfängt.

Wie anders bei uns in Deutschland. Sind auch die Studenten der Witzblätter für gewöhnlich übertrieben, so muß man doch zugeben, daß selbst die Mediziner, wenn auch die fleißigsten, viel zu wünschen übrig lassen. Wie viele vernach­lässigen Kollegien und Kliniken! Diese Vernachlässigung braucht freilich nicht und das ist ja gerade das Schlimme einen Durchfall im Examen herbeizuführen. Was wird denn im ärztlichen Staatsexamen verlangt? Etwa praktisches Können, erworben im fleißigen Besuch der Kliniken? Nein; wer viel und mit einigem Verständnis über irgend ein Kapitel aus der Pathologie sprechen kann, der bekommt eine gute Note und selbst ohne Verständnis soll es schon gegangen sein. Die deutsche medizinische Litteratur ist reich an trefflichen Lehr­büchern; wer sie auswendig gelernt, muß aber nicht notwendig ein guter Arztsein. Das Studium der Medizin gipfelt viel­mehr in der Übung am Krankenmaterial, und diese eben fehlt auf den deutschen Universitäten.

Wem ist es nicht zur Genüge bekannt, wie die Herren Kandidaten ins Staatsexamensteigen?" Repetitionskurse werden mit schwerem Gelde bezahlt, Assistenten oder andere junge Ärztepauken" den zukünftigen Ärzten die Kenntnisse ein, die für das Examen nötig, durchaus nötig sind, und nach eini-