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Deutschland.
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von einem strahligen Kranze beweglicher, meist langsam hin und her spielender Fuß- und Fangfäden, welchen die Arbeit obliegt, das Seewasser in Bewegung zu halten und mit demselben fortwährend die nötige Nahrung herbeizustrudeln, welche in kleinen Meerestiercn von allerlei Art besteht. Zwischen diesen Fangfäden aber befindet sich noch eine furchtbare Waffe, die auch größere Tiere in Schrecken zu setzen vermag: ein Heer von sogenannten Nesselfüden. Sie sind so bezeichnend für die Sacktiere, und so allgemein mit nur wenigen Ausnahmen vorhanden, daß sie ihnen auch den Namen der Neßler oder Nesseltiere zu ihren verschiedenen anderen eingetragen haben. Diese Nesselfüden haben ihr Gegenstück nur im Pflanzenreiche; gleich den Brennhaaren der Nessel erregen sie Schreck und heftigen Schmerz; ja, sie sind noch heimtückischer, denn sie können blitzschnell hervorgeschleudert werden, und wirken schon bei bloßer Berührung, ohne daß, wie bei den Haaren der Brennnessel, etwas abzubrechen braucht. Auch unsere Seerose erfreut sich ihrer; und sie kann infolgedessen selbst viel größere und stärkere, ja selbst hartschalig gepanzerte Tiere bewältigen, da sie sie völlig lähmt und betäubt und zu jeglicher Gegenwehr unfähig macht. Was den Nesselfüden einmal verfallen ist, wird von den Fangarmen ergriffen, tausendfach umschlungen, und in den Schlund hinab gezogen, wo es sogleich, ehe es überhaupt noch einmal erst zur Besinnung kommt, den Wirkungen der Verdauung anheimfüllt und alsbald im wahren Sinne des Wortes feiner „Auflösung" entgegengeht.
Unsere Seerose nun bewohnt eine gemeinschaftliche Behausung mit dem erwähnten Einsiedlerkrebs. Dieser verdankt seinen Namen einer sehr eigentümlichen Gewohnheit, die wieder mit einer besonderen Eigentümlichkeit seiner Körperbeschaffenheit zusammenhüngt. Sein Hinterleib ist nicht hartschalig, wie bei anderen Krebsen, sondern weich; und um ihn zu schützen, versteckt er ihn stets sorgfältig in einer leeren Schneckenschale, die er sich, in der Größe Passend, ausgesucht hat; sei es, daß ersetzte Auswahl unter den in Menge auf dem Meeresboden vorhandenen verlassenen Schalen trifft, oder daß er die lebende Inwohnerin erst verzehrt, und sich dann ihres Gehäuses bemächtigt. Sein Hinterleib ist auch in der Form dieser Gewohnheit längst angepaßt; entsprechend gekrümmt, hält er das Schneckengehäuse dauernd fest; und so schwimmt der Krebs mit dieser seiner Schutzrüstung umher, sich in Augenblicken größerer Gefahr ganz in sie zurückziehend. Auch verläßt er die Schale niemals, außer wenn sie ihm zu klein geworden ist; dann sucht er sich eine neue, größere. Aber auch in diesem Falle wendet er die größte Vorsicht an, und sucht die Übersiedelung möglichst schnell und unbemerkt an einem sicheren Orte zu bewerkstelligen — ähnlich wie sich unser gemeiner Flußkrebs, wenn er sich zur Häutung anschickt und danach in seiner neuen butterweichen Schale auf kurze Zeit allen möglichen, sonst undenkbaren Fahrlichkeiten ausgesetzt ist, sich zuvor rechtzeitig in seine schlammigen Gemächer zurückzieht und nicht eher wieder hervorkommt, als bis er wieder seiner Haut sicher unter die Leute gehen kann.
Auf der das Hinterteil bergenden Schneckenschale des Einsiedlerkrebses nun setzt sich die Seerose fest, und läßt sich von ihrem Geführten von Ort zu Ort mit fvrttragen. Sie überzieht mit ihrer fleischigen Unterflüche den größeren Teil des Gehäuses, und sitzt vorzugsweise in der Nähe der Mündung; also da, wo auch der Vorderleib des Krebses hervorschaut. Dadurch ist sie diesem ein weiterer, wirksamer Schutz; sie bildet die Besatzung der Festung; denn seine Feinde kennen und fürchten ihre Nesselkapseln. Er darf nun also doppelt beruhigt seinerseits auf Beute nusgehen: und da er zu diesem Zwecke gewöhnlich den Bodenschlamm aufwühlt, so hat er Gelegenheit genug, seiner wachsamen Reisegefährtin für ihre Freundschaftsdienste in ausgiebigster Weise seine Dankbarkeit zu bezeigen. Durch seine Wühlerarbeit nämlich werden stets auch zahlreiche kleine Tiere dem Bereich ihrer Fangarme zngesührt, und er sorgt so gleich für ihren Bedarf mit, ohne selbst dabei Abbruch zu leiden. Überhaupt erlangt die Seerose durch den Krebs die Vorteile einer Lebensweise, durch welche die
Nachteile ihres, sie ursprünglich, wie ihre Verwandten, an einen Ort festkettenden, Leibesbaues wieder aufgehoben werden.
Das Merkwürdigste au dem ganzen Verhältnis ist Wohl, daß die Seerose auch dann in Gesellschaft des Krebses bleibt, wenn er es für notwendig befindet, nmznziehen. In den Wasserbehältern der Zoologischen Seewärts zu Neapel wurde ein hierauf hinzielender Versuch gemacht, der von dem überraschendsten Erfolge gekrönt wurde. Ein Einsiedler wurde gewaltsam ans seiner Behausung herausgenommen, die Schale fest verstopft, und Krebs und Schale wieder ins Wasser gesetzt. Das erste, was der Krebs that, war, daß er die ihm den Zugang verstopfenden Zeuglappen zu entfernen versuchte; was ihm aber nicht gelang. Erst als alles vergeblich war, bezog er ein anderes, ihm dargebotenes leeres Gehäuse. Seine Gefährtin aber saß noch auf der alten Wohnung; und nun suchte er sie gleichfalls zur Übersiedelung zu bewegen. Er schwamm mit seinem neuen Gehäuse zu ihr hin, betastete sie mit seinen Scheren, suchte sie sogar selber loszumachen, und wiederholte seine Aufforderungen so lange und dringend, bis sie verstanden wurden, und die Seerose sich hcrbeiließ, den alten Wohnort zu verlassen, und ans dem neuen Hause Platz zu nehmen. Hier kann es keinem Zweifel mehr unterliegen, daß die aus dem Zusammenleben entsprungenen Vorteile geradezu in das Bewußtsein der beteiligten Genossen überqegangen sind.
(Fortsetzung folgt.)
Ein Vorläufer Ibsens.
(Sören Kierkegaard.)
Bon
Ircrrrz S e r: o» cr e s. (Schluß.)
sind die Zustände der Gesellschaft, welche Ibsen die „mittelschlechte" nennt und in der Kierkegaard „Ehrlichkeit bis zu einem gewissen Grade" vorherrschend findet. Wie in der Anwendung derartiger satirisch abgetönter Resignationsbegriffe, so hat Kierkegaard auch in manchen anderen Einzelheiten bereits die Tonart gesunden, die später Ibsen so meisterlich zu spielen verstand. Wenn zum Beispiel in der „Frau vom Meere" Ellida ihre Ehe mit Wangel auflösen will, um sich ihm dann „in Freiheit" wieder znzuwenden, so begegnet uns bei Kierkegaard fim „Tagebuch des Verführers") ein Brautpaar, das seine Verlobung anflöst, um sich alsdann „in Freiheit" anzngehörcn. Bekannt ist, daß Nora „das Wunderbare" für sich herbeisehnt; bei Kierkegaard findet sich eine ähnliche Frauennatnr geschildert, von der es heißt: „Sie sucht das Wunderbare außerhalb ihres Ich und möchte bitten, daß es sich ihr offenbare." In der „Wildente" prahlt Hjal- mar Ekdal damit, daß er in einem kritischen Momente seines Lebens „den Mut" gehabt habe, sich nicht zu erschießen, obwohl er die Pistole bereits in der Hand hielt; bei Kierkegaard sagt ein geistesverwandter Phrasenheld: „Ich will mein Leben opfern. Keiner soll sagen, daß ich nicht Heldenmut habe; aber dieser blinde Mut ist nichst das Höchste, deshalb beherrsche ich mich selbst und behalte das Leben." Es braucht wohl kaum betont zu werden, daß ich in allen diesen Füllen nichts weniger als einen bewußten Zusammenhang erblicke. Aber auch der unbewußte Zusammenhang ist eine höchst lehrreiche Thatsache als das Merkmal einer bestimmten Zeitstimmung und eines bestimmten Volkscharakters.
In einem anderen Falle dagegen kann ich nicht umhin, etwas mehr als eine zufällige Übereinstimmung zu erkennen. In einem Aufsatz „Über den Reflex des Antik-Tragischen in den: Modern-Tragischen" hat Kierkegaard gleichsam die ganze theoretische Grundlage für Ibsens spätere dramatisch-praktische Wirksamkeit gelegt. Er steht dadurch zu ihm in einem ähnlichen Verhältnis wie etwa Lessing zu Schiller. Ohne Shakespeare zu