45.
Deutschland.
Seite 737.
nennen, übt Kierkegaard eine einschneidende Kritik am Shakespeare- scheu Drama. Er findet, daß von den modernen Dichtern der Einzelpersönlichkeit ein zu hoher Grad von Selbstbestimmung und demnach von Verschuldung beigemessen werde, und er erklärt es für ebenso ungerecht wie psychologisch anfechtbar, in dieser Weise dem Menschen die Schuld für sein Schicksal als eine persönliche That, für die er verantwortlich ist, ans die Schultern zu wälzen. Kierkegaard will den „Zusatz von Leiden," den die Antike vielleicht etwas reichlich abwog, im modernen Drama unter keinen Umstünden ganz missen. „Das Tragische," sagt er, „liegt in der Mitte zwischen Handeln und Leiden," und so ist ihm auch die Schuld ein Mittelding zwischen Handeln und Leiden. Höchst ausnahmsweise begeht sie der Mensch für sich allein; in der Regel handelt er unter dem Druck mannigfacher, schwer entwirrbarer Einflüsse, vor allein unter dem Druck seiner ganzen Vergangenheit. „Die tragische Schuld ist mehr als die bloß subjektive: sie ist vererbte Schuld." Hiermit stehen wir in der Theorie unmittelbar vor Ibsens „Gespenstern." Während jedoch Ibsen seine Vererbungstragik wesentlich unter Anregung der Naturwissenschaften ausgearbeitet hat, hat sie Kierkegaard aus dem Dunkel seines religiösmystischen Inneren geschöpft und an eigenen trüben Erfahrungen genährt. Die gewaltige Vorstellung des alttestamen- tarischeu Gottes, der ein schuldiges Geschlecht verflucht bis ins vierte Glied hinein, hatte sich seiner Phantasie bereits früh unauslöschlich eingeprägt und wirkte als beunruhigendes Moment, wenn er den Blick rückwärts auf die Vergangenheit der eigenen Familie lenkte. Schon der bloße Argwohn, hier etwas Miasma-Artiges finden zu können, war im stände ihn aufzuregen, und man mag sich demnach seine tiefe Erschütterung ausdenken, als er, bereits in reiferen Jugendjahren, in der Vergangenheit des eigenen Vaters einen Makel entdeckte. Er hatte eine fast krankhafte Furcht, ein Opfer dieser „Erbschuld" zu werden und an der eigenen Seele ohne eigentlich persönliche Verschuldung Schaden zu leidem In seiner Phantasiethätig- keit ging er, wie Brandes des Näheren fesselnd dargelegt hat, immer von neuem um diesen dunklen Punkt herum und sah sich selbst und sein mögliches Schicksal unter den verschiedensten Gleichnisbildern, die er mit Vorliebe dem alten Testament entlehnte, wie im „Traum Salomos" und der „Opferung Isaaks." Vor allem aber blieb er an der Figur der Antigone hängen, der schuldlosen Tochter des unbewußt schuldvollen Ödipus. Er arbeitet sich einen Plan aus, in dem er aunimmt, daß sie durch Zufall hinter das schreckliche Geheimnis ihres Vaters gekommen sei und dieses nun als eine unsichtbare drückende Last mit sich durchs Leben tragen müsse. Seitdem ist all ihre Fähigkeit, glücklich zu werden, zerronnen; sie liebt zwar und weiß sich wieder geliebt, trotzdem weist sie die Hand des Bewerbers zurück und giebt sich auf dem Grabe ihres Vaters in Verzweiflung den Tod. Es ist ein Zeichen für die ungewöhnliche Größe von Kierkegaards künstlerischer Phantasie, daß er sich angeregt fühlte die eigene Leiderfahrung an die gewaltigsten Stoffe der alten Poesie anzuknüpfen, und darin für dieselbe einen Trost zu suchen, daß er sie in erhabenen Projektionen sah. Auf uns aber wirkt diese Antigone, die unter der Last einer persönlich unverschuldeten Vergangenheit zusammenbricht, mehr als irgend etwas Anderes wie eine Vorausdeutnng aus Ibsen.
Kierkegaard war ein Mensch, der auch das geringste persönliche Erlebnis als ein Ereignis von symbolischer Bedeutung aufzusassen und grübelnd und brütend in seiner Phantasie um- undumzuwülzen liebte. Die Schuld des Vaters und die Auflösung der Verlobung wuchsen dadurch für ihn zu einer Bedeutung heran, die sie für andere Sterbliche nicht gehabt hätten. Leicht entzündbare Einbildungskraft und leidenschaftlicher Hang zur Selbsterforschuug, dialektischer Scharfsinn und religiöser Wahn wirkten hier in ihm zusammen und ließen ihn in feierlicher Form „Gericht halten über sich selbst." So betrachtete er zum Beispiel im „Tagebuch des Verführers" seine Liebesgeschichte unter dem Gesichtswinkel, wie sie wohl Hütte ver
laufen können, wenn er dem Mädchen von Anfang an mit unehrlichen Absichten gegenüber gestanden und es nach genossener Liebe roh verlassen hätte. Ein glänzenderes Entlnstungs- material als diese Studie Hütte Kierkegaard der Nachwelt nicht hinterlassen können. Sie beweist, daß er keine Ahnung davon hatte, mit welch brutaler Energie ein gewiegter Verführer im wirklichen Leben rasch auf sein Ziel losdringt, und daß er nun und nimmer seine Zeit damit vertrödeln wird, kleine und kleinste Fädchen zu einem recht zerreißbaren Faugnetz zusammenzu- knüpsen. Mit einer zwar wunderbaren Fülle feinster Seelen- beobachtungen und mittels einer geradezu zwingenden Logik der konstruierenden Phantasie hat sich Kierkegaard in seinem Verführer Johannes ein ganz abstraktes Hirngespinst zusammenkomponiert, das nur von Dichters Gnaden lebt und vor dem Anhauch der Wirklichkeit zerstiebt. Einen ausgesprochenen Bekenntnischarakter von dokumentarischem Wert trägt dagegen die zweite jenem Erlebnis entsprungene novellistische Studie „Schuldig? — Nichtschuldig?" Hier begegnen sich ein junger Mann und ein junges Mädchen in gemeinsamer jugendlicher Schwärmerei und verloben sich miteinander. Indes was bei dem Mädchen nur ein liebenswürdig träumerischer Zug der Eutwickelungsjahre ist, das ist bei dem Manne der Ausfluß eines tiefernsten von religiösem Enthusiasmus erfüllten Gemüts und Charakters. Vergeblich versucht er tiefere und vollere Laute aus seiner Braut herauszuschlagen, sie ist ein gutes, liebes, naives Kind und versteht nicht, was er von ihr will. Er giebt sich Mühe, sich ganz in sie hineinzudenken, von ihrer harmlosen Fröhlichkeit etwas in sein schwerfälliges Temperament zu übertragen; aber er hat so wenig die Fähigkeit, sich in sie hineinzudenken, wie sie sich in ihn hineindenken kann. Trotzdem hält das Mädchen mit gedankenlosem Leichtsinn an dem Verlöbnis fest, während der Mann immer tiefer erkennt, daß aus dem Bunde zweier so entgegengesetzter Menschen keine „echte Ehe" entstehen könne. So hebt er das Verlöbnis auf. Sie weint sich die Äuglein rot und heiratet übers Jahr einen anderen (wie Kierkegaards Braut thatsüchlich that). Er aber trügt die geheime tiefe Wunde stumm im Herzen mit sich herum; doch er dankt seinem Schöpfer für diese Wunde, denn sie hat ihn sehend gemacht.
Daß das Leid ihn zum Dichter gemacht habe, hat Kierkegaard, wie der Skalde Jatgeir in Ibsens „Kronprätendenten," mehrfach von sich ausgesagt, und so blieb denn die „Sympathie mit dem Geheimnis des Leids" auch dem Leben gegenüber seine „einzige Leidenschaft." Geheimen Schmerzenszügen nachzn- spüren und hierdurch den Menschen auf den Grund der Seele zu blicken, das war die Kunst, die er aus der eigenen Leiderfahrung gelernt hatte. Die Äußerungen dieser Kunst bezeichnte er selbst als „psychologische Experimente" und hat damit vermutlich zum erstenmal einen Kunstansdrnck in der Poetik gebraucht, der heute in aller Munde ist. Er selbst freilich wollte nichts davon wissen, daß seine psychologischen Experimente Poesie seien; sie seien „bloß wahr, nicht schön." Die Gegenwart aber urteilt hierüber anders. Sie vermißt zwar in Anlage, Bau und Vortrag der Studien die hohe künstlerische Reife und Freiheit, aber sie anerkennt um so mehr die bahnbrechende künstlerische That, welche, den traditionellen Stofskreis durchbrechend, der modernen Dichtung früher nicht geahnte große, neue Aufgaben stellte. Kierkegaard ist ein Seelenbeub- achter allerersten Ranges, sowohl in dem, was er über sich selbst frei heraussprach, wie auch in dem, was er bei anderen sah. Er beobachtet alle Mienen und kleinen Gebärden, vom leichtesten Zucken um den Mund bis zum fehlgreifeuden Händedruck, und überall macht er seine Schlüsse daraus, wie es wohl im Inneren dieser Person beschaffen, welches ihr „Leid" sein möge. Dieser echt germanische Zug, die Seele aus dein Antlitz herausgrübelu zu wollen, steigert sich bei Kierkegaard bis zu seherhaftem Scharfsinn. „Wenn man ein Angesicht," sagt er, „lange und aufmerksam betrachtet, so entdeckt man zuweilen gleichsam ein zweites Antlitz innerhalb- desjenigen, das man eigentlich sieht." Auch hier fühlt man sich an Ibsen erinnert.