Heft 
(1889) 50
Seite
797
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Nr. 50.

Erscheint Sonnabends

und ist in der Post-Zeitungspreisliste unter Nr. 1738 eingetragen.

Berlin, den ^I. September.

Abonnementspreis

bei der Post oder im Buchhandel vierteljährlich 3 Mark.

1800

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Inhalt: Der Baron. Von Paul Roland. Schlesische Weber. Von vr. Bruno Schoenlank. Wechselstrom oder Gleichstrom? Die Kardinalfrage der Elektricitätswerke. Von W. Bcrdrow, Ingenieur (Fortsetzung). Dagoberts Traum. Eine Skizze von Anna Bock (Schluß). Kollektiv-Eigentum oder Jndividualbesttz. Von Prof. vr. Ludwig Stein iZürichl. Volksdichtung und Volksbühne. Von Eugen Wolfs. Marie von Ebncr-Eschenbach. Von I. I. David. Noch einmal der Fall Lindau. Von F. M. Kleine Kritik.

Der Vsron.

Von

Paul Roland.

schleuderte Franz Schippel die Linden ent- lang, ^ E Cafä Bauer die Parade der Spazier- ganger abzunehmen, welche der warme Sonnenschein nach dem Tiergarten lockte. Es war noch früh am Tage, we­nigstens nach Berliner Begriffen. Um 10 Uhr vormittags pflegt der richtige Spreeathener sich noch nicht in öffentlichen Lokalen niederzulasfen, er müßte denn von einem sogenannten Frühkonzerte heimkehren. Im allgemeinen sind es die Frem­den, die zn dieser Tageszeit die Cafäs bevölkern. Die wenigen Journalisten und Künstler, die glücklichen Herren ihrer Zeit, können nicht mitgezühlt werden.

Franz wartete auf seinen Freund Carl Heilmann, der, wie er, Maler, außerdem aber Reserveoffizier war, wie jeder junge, moderne Künstler, der in Berlin etwas gelten will. Es kommt ja auch wirklich nicht so sehr darauf an, in welcher Weise die Farben auf die Leinwand gebracht werden, sondern von wem es geschieht. Aehnlich verhält es sich mit der Bildhauerei. Nach­dem man glücklicherweise mit dem Vorurteil gebrochen hat, als dürfe in der plastischen Kunst vornehmlich nur der unbekleidete menschliche Körper dargestellt werden, erscheint der Bildhauer, welcher zugleich Lieutenant der Reserve ist, in erster Linie berufen, Uniformröcke, Helme, Stiefel und dergleichen in Marmor und Bronze herzustellen, und in erfreulichem Maße wird jungen Talenten in den Berliner Meisterateliers Gelegenheit geboten, sich nach dieser Richtung hin nuszubilden. Erst lernen sie Knöpfe und Handschuhe, Epaulettes und Helmzierat in Thon nachbilden, und mit der Fertigkeit in diesen Dingen entwickelt sich dann auch die Fähigkeit, den Geist unserer großen Zeit in plastischen Werken zum Ausdruck zu bringen.

Müßiggang ist aller Laster Anfang; darum gab sich auch Franz Schippel solchen Betrachtungen hin. Dann dachte er

i über sein und seines Freundes Erdenwallen nach: Der war wirklich zu beneiden. Machte er doch eine ganz andere Figur als Franz, der harmlose Landschafter und Genremaler, der weit entfernt von künstlerischem Zigeunertum in bescheidener sauberer Pinselführung den großen Tag der Anerkennung von höherer Stelle erharrte. Aber wo bleibt Carl Heilmann, der flotte Junge, für den das Wortschneidig" eigens erfunden zu sein scheint? Er, die verkörperte Pünktlichkeit, läßt heute auf sich warten! Jaso es ist allerdings erst ^/zll Uhr, er wollte um 11 Uhr zur Stelle sein; dann sollte ein Besuch bei einem Mücen gemacht und später von Heilmann das Ministerium aufgesucht werden. Es handelte sich dabei um einen Staats­auftrag, und der eben aus Italien nach langjähriger Abwesen­heit zurückgekehrte Künstler wollte sich bei einem hohen Gönner persönlich wieder in Erinnerung bringen.

Wo nur Carl bleibt? Er ist vorgestern in einem Hotel der Friedrichstadt abgestiegen und scheint sofort einen tiefen Zug weltstädtischen Lebens gethan zu haben. Franz hatte ihn von einer neuen Bekanntschaft, von einem Baron reden hören. Nun, Carl hat ja die kleine Schwäche für vornehmen Umgang. Das Ende vom Liede wird eine kleine Kneiperei gewesen sein. Da kann man sich Carls Zustand vorstellen. Man braucht das nicht zu schildern. In einer Zeit, welche mit allen Privi­legien, auch denen der Studentenschaft, so gründlich aufgeräumt hat, ist die Kenntnis derartiger Zustände längst nicht mehr auf akademische Kreise beschränkt geblieben, sondern Gemeingut der Nation geworden.

Wo nur Carl bleibt? Als Franz unruhig auf die Straße hinausspähte, fing er plötzlich den holdseligen Blick Miezes auf, die sein verlegenes Lächeln als eine Einladung zum Frühstück auffaßte und mit ihrer natürlichen Unbefangenheit alsbald sich neben ihm niederließ und Bouillon und Pasteten bestellte.

Wer war Mieze? Dem Äußeren nach zu urteilen ein schönes Kind von etwa achtzehn Jahren, elegant und zierlich, und lang, wie das Laub einer Birke ihrer ostpreußischen Hei- ! mat wehte ihr goldblondes Haar hernieder. Sie verfehlte nicht,