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Deutschland.
Seite 811.
Noch einmal der Fall Lindau.
Von
I. M.
^ie unselige Angelegenheit Paul Lindaus hat den Verlauf genommen, der vorauszusehen war, nachdem sie einmal unbedacht vor das Ehrengericht der „Berliner Presse" gebracht worden war. Paul Lindau, den ehemaligen Präsidenten, der durch dasselbe litterarische Leben, das ihm jetzt zum Vorwurfe gemacht wird, zu solcher Ehre gelangte, aus dem Vereine auszustoßen, das wäre nach meiner Überzeugung mehr als eine Ungerechtigkeit, das wäre — Heuchelei gewesen. Man lehnte den Antrag also ab; aber man ging noch weiter, man wollte zu viel beweisen und erklärte, ein Fall Lindau wäre überhaupt nicht vorhanden. Und die ruheliebenden unter den Berliner Blättern freuen sich über diesen Ausgang. Zu früh.
Denn durch diese weite Ehrenerklärung hat sich der Verein Berliner Presse mit allem einverstanden erklärt, was in dieser Sache nachweislich und nicht gerade schön ist, wie z. B. mit der einer Schauspielerin unter bestimmten Bedingungen versprochenen Protektion. Und ein Journalistenverein sollte solche Dinge doch nicht gerade sanktionieren. Ich unterstreiche „unter bestimmten Bedingungen." Denn edel sei der Mensch, hilfreich und gut; mau kann eventuell seinem Nebenmenschen uneigennützig gefällig sein, auch wenn man zufällig Theaterkritiker und der Nebenmensch ein Mädchen ist. Ich selbst bin - glaube ich — ungefällig; aber von den Aeußerungen der Freunde Lindaus hat mir keine so gefallen wie die von I. Landau, mit dessen mildem Urteile ich auch diesmal nicht übereinstimmen kann, der jedoch ehrlich abgrenzte, wie weit die Beziehungen zwischen Kritik und Kulisse gehen dürfen. Auch er wird es aber schwerlich verteidigen, daß ein einflußreicher Kritiker einer Schauspielerin unter bestimmten Bedingungen gefällig ist.
Die öffentliche Meinung scheidet nun nicht so genau, was in diesem Falle unwidersprochen und bewiesen und was einseitige Behauptung ist, die öffentliche Meinung glaubt an die Anklage in ihrem vollen Umfange; und seitdem die Berliner Presse sich scheinbar mit Paul Lindau identifiziert hat, spricht man in der Hauptstadt und in der Provinz plötzlich ganz allgemein von der Korruption der Presse. Das ist ein Schaden, der nur dadurch gut zu machen ist, daß es aus Anlaß dieses Falles zu einer großen Auseinandersetzung kommt.
Der Schaden wurde dadurch noch größer, daß es in Berlin gerade die kirchlichen Blätter waren, welche mit großer Schlauheit die Fehler — seine Freunde sagen: das Pech — Paul Lindaus gegen alle liberalen Parteien ausnützten. Alle großen Blätter, welche den Fall totzuschweigen gesucht haben, sind kirchlich freisinnig; da kommt nun die fromme „Germania" und der noch frommere „Reichsbote," sagen ganz einfach ein bißchen die Wahrheit und brüsten sich vor ihren Lesern, als ob sie der Korruption des Liberalismus entgegengetreten wären. Und Paul Lindau, der zu gelegener Zeit doch auf seine Abstammung von Germanen in seiner lustigen und nach keiner Seite verletzenden Art hingewiesen hat, muß zu allem übrigen auch noch für ein wenig Antisemitismus herhalten.
Gegen alle diese bösen Folgen gab es und giebt es jetzt noch nur ein Mittel, das allerverbrauchteste und alltäglichste: den gerichtlichen Austrag. Paul Lindau ist von öffentlichen Blättern nicht allein verdächtigt, sondern auch mit sehr groben Bezeichnungen bedacht worden. Die ebenso unsinnige wie tyrannische Sitte würde das Mitglied eines Offiziereorps oder einer Studentenverbindung zwingen, sich mit seinem Angreifer zu schlagen, bis Blut fließt; in Frankreich müßte er auch als Litterat wenigstens ein Loch in die Luft schießen. Eine viel allgemeiner verbreitete Sitte fordert vom bürgerlichen Menschen der gemäßigten Zone von Europa, daß er auf einen Schimpf niit einer Klage antwortet. Hätte Paul Lindau das im ersten
Augenblicke gethan, so wäre freilich mancher Punkt der Anklage wohl gerichtlich erwiesen worden, anderes aber wäre wahrscheinlich zu Lindaus Gunsten ausgefallen, und nach einigen Wochen Hütte niemand mehr von der Sache gesprochen. Jetzt aber scheint es, als ob die ganze Berliner Presse auf der Anklagebank süße.
Ich weiß, daß man über den Begriff der Standesehre erhaben sein kann wie nur Graf Traft in Supermanns „Ehre," dem es übrigens in der Wirklichkeit auch im Vorderhause all Unbequemlichkeiten nicht fehlen würde. Ich weiß, daß mail einen höheren Standpunkt einnehmen kann. Man kann das Allzumenschliche in Lindaus Falle sehr menschlich finden. Ich kann mit Otto Brahm, dem bekannten Kritiker und Literarhistoriker, im wesentlichen übereinstimmeu, so lange er den Vorgang psychologisch erklärt und aus dem berühmten Milieu ableitet; nur daß ich dann das ganze Milieu zu beurteilen gezwungen bin. Und wenn Brahm sich auf Nietzsches „Jenseits von Gut und Böse" beruft, um Lindau zu verteidigen, so kann ich nicht mehr mit.
Wenn ich Friedrich Nietzsche, wie ich hoffe, richtig verstehe, so ist ihm die Lehre, daß auch das Häßliche und Böse ebenso menschlich und notwendig sei wie das Edle, — eine neue Erkenntnis, nicht aber neue Ethik. Aus dieser Erkenntnis wird sich ja mit der Zeit eine Umwertung der Begriffe Gut und Böse ergeben müssen; es ist aber zum mindesten verfrüht, diese im Werden begriffenen neuen Gedanken wie mathematische Gesetze auf den ersten besten Fall Lindau anzuwenden. Mit demselben Rechte hätte mau vor hundert Jahren die neue Kantsche Philosophie ins Leben übersetzen müssen. Und weil Kant lehrte, daß Raum und Zeit den Dingen an sich nicht anhaften, sondern nur iu unseren Köpfen vorhanden sind, so hätte ein Anhänger von Kant Zeit und Raum verachten, seine Uhr zerschlagen und es für gleichgültig erklären müssen, ob er einen oder zwei Schoppen trank. Das aber ist auch durch Kants große Lehre nicht gleichgültig geworden.
Kkeine Kritik.
Die alte Erfahrung, daß die beginnende Saison ihre Opfer haben will, bestätigt sich wieder. Im Berliner „Lessing-Theater" ist diesmal ein Lustspiel von Meilhac abgelehnt worden, nachdem, die beiden ersten Akte mit mancher Zierlichkeit erfreut hatten. Das angebliche Lustspiel nennt sich „Margot" und verdient sein Schicksal redlich um seiner vollkommenen Unwahrheit willen. Es könnte vom alten Kotzebue in Person geschrieben sein, so verlogen sentimental ist seine Haupt- und Titelfigur, ein keusches Röschen, auf einem Mistbeet erwachsen. Diese Margot, von Frau Petri mit einigen virtuosen Späßen ausgestattet, aber dennoch nicht glaubhaft dargestellt, mag in Paris wie eine eynische Maskerade gefallen haben; so wie nämlich ans Pariser Maskenbällen das Babhkostüm unter den frechsten Frauenzimmern das beliebteste ist, so mag die Sprache des Nachteafäs im Munde dieser künstlichen Unschuld gereizt haben. Für solche Gegensätze fehlt in Deutschland das Verständnis, nicht wegen der größern Reinheit, aber wegen der geringem Offenheit unserer Sitten. Trotzdem hätte man die französische Gnrli mitsamt ihrer Tugendhaftigkeit bei uns vielleicht ernst genommen und ihre erborgten Gefühle mit Rührung schön gefunden, so gut wie den „Freund Fritz" des nunmehr halbtoten Erckmann-Chatrian, wenn die grausame Übersetzung von Emil Neumann die fein geschliffene Sprache des Dichters nicht um alle ihre Reize gebracht hätte. Wir haben in dieser Hinsicht in Deutschland keine verwöhnten Nerven. Was aber diesmal an imdeutschen Wendungen
verübt worden ist.- von entsetzlichen Kleinigkeiteil, bei denen ich meinen
Ohren nicht trauen will, ganz zu schweigen — das muß jedes Salon gespräch unverständlich oder geschmacklos machen. Vielleicht ist es auch
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