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Deutschland.
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Der dritten Gruppe endlich gehören „Die Großmutter" und „Das Gemeindekind" an. Lakonisch kurz ist die eine Geschichte; aber das arme Weiblein, das angesichts der Kirche seiner letzten Hoffnung, seines ertrunkenen Enkelkindes, dennoch an das ganz neue Gewand nicht vergessen darf, das der Tote trug, erzählt mehr von bitterster Not, als ganze Bände An- klagelitteratur. Breit und echt episch anklingend ist die andere; man vergißt das Schicksal des Gemeindekindes Pattel nicht mehr; des Sohnes des Raubmörders, der in einer feindseligen Umgebung, in die ihn der Wahnwitz der österreichischen Heimatsgesetze hineingestoßen hat, verkommen und seinem Vater gleich werden müßte, siegte nicht die Tüchtigkeit seiner Natur und der finstere Trotz, der just nicht schlecht werden mag, weil ihn alles und alle so haben will und dahin drängen möchten. Er behauptet sich und verkommt nicht; mehr, er kann sogar der Mutter eine Heimat bieten, da sie endlich dem Zuchthause, darin sie unschuldig geweilt durch lange Jahre, den Rücken -kehren darf; aber das ist sein und nur sein Verdienst. Die Ebner glaubt eben an die Güte der Menschenseele, weil sie selbst gut ist, weil ihre Teilnahme selbst der stummen Kreatur gehört. Da ist „Krambambuli" ein gänzlich unvergeßlicher Beweis; man kann diese Hundegeschichte nicht ohne tiefe Ergriffenheit lesen, und sie klingt nach.
Nun aber: wie ward die Ebner so? Die Frage ist ziemlich leicht beantwortet. Abstammung und Heimat haben viel gethan. Strenge Selbstzucht vollendete das und ließ es sich völlig entwickeln, was im vorbildlichen Keime immer in ihr gelegen hat.
Gewiß hat nicht leicht ein Mensch mehr Gelegenheit, mit den verschiedensten Schichten der Gesellschaft in Berührung zu kommen, sich wirklich und thatkräftig zu erweisen, als ein Sprosse des mittleren Adels. Ein solcher ist die geborene Komtesse Dubskh, ist Marie von Ebner; auf Zdislavie, dem Stnmmgute ihres Geschlechtes, ist sie so recht im Herzen von Mähren, in der Hanna geboren. Dort erwuchs sie, ein Kind von tiefer, fast schwärmerischer Glaubensinnigkeit; eine weite fruchtbare Ebene war ihre Heimat; sie sprach nicht in den großartigen Lauten der Alpenwelt etwa zu ihr; aber sie bot in Auwaldungen manches Hübsche, sie lehrte sich in jene Feinheiten versenken, die ihren Dichtungen den Erdgeruch leihen. Wie getreu sie den gewahrt hat, das kann ihr der Schreiber dieser Zeilen, selbst ein halber Landsmann, bezeugen. Dazu mischen sich in ihr das leichtbeweglichere Blut eines nach Abstammung slawischen, nach Erziehung deutschen Vaters mit dem einer deutschen Mutter. Ein früh wacher Trieb riß sie zur Dichtung; ehe sie ihm folgen konnte, ehe sie ihre ersten Erfolge erringen durfte, waren ihr freilich noch harte Lehrjahre bestimmt. Ein Beispiel für viele — wer, der ihre Aphorismen liest und sich ihrer makellosen Klarheit und Poliertheit erfreut, wer wollte glauben, daß sie erst als Frau das Deutsche ordentlich erlernte? Und doch ist dem so; sie war in der Sprache, die sie heute meistert wie wenige, nicht zu Hause; ihr war nur das Adelsdeutsch, ein Gemenge aus aller Herren Zungen, geläufig.
Ihre erste Liebe also gehörte dem Drama, und an Gelegenheit, Menschen kennen zn lernen, mag es ihr auch nie gefehlt haben. Da war eine sehr zahlreiche Familie; dazu haben die Grafen Dubsky ohne allen Zweifel einen lebhaften Verkehr mit Gutsnachbarn unterhalten, der manchmal das Schloß mit festlichem Treiben erfüllte. Dazu kommen nun noch die Bauern; immer noch gewöhnt, in mannigfachen Nöten Rat und Hilfe zu erbitten. Es scheint, als sei in Mähren das Verhältnis zwischen Erbunterthünigen und Herrschaft immer ein leidliches gewesen; als habe mindestens jene Feindseligkeit nicht bestanden, die anderwärts wohl im Gefolge der Hörigkeit auftrat und teilweise bis in unsere Tage nachwirkt. So mag sich manche Gelegenheit zu Hilfe und Rat, mancher wertvolle Einblick in fremde und der Beachtung würdige Verhältnisse mit ihr ergeben haben. Dann aber, als sie sich ihrem Vetter, dem Genie-Hauptmann Baron Moriz Ebner-Eschenbach vermählt hatte, erweiterten sich Anschauungen und Umgebung.
Lücken der Bildung wurden mit ernstem Studium ausgefüllt. Einer, der größten, ist bereits gedacht worden. In Wiener Neustadt, wo ihr Gemahl als Lehrer an der Kriegsschule gewirkt hat, trat Joseph Weilen, damals noch ein heimlich dichtender Lieutenant, dem Hebbel auf sein bescheidenes Ansuchen, er möge eine seiner Tragödieen lesen, gelassen geantwortet: „Wissen Sie, Herr Lieutenant, ich mag Sie ganz gut leiden, aber daß er Ihre Stücke lese, das verlangen müssen sie von Friedrich Hebbel nicht," in ihren Kreis, dem er in treuer Freundschaft bis zu seinem Tode angehörte. Mag man über seine Begabung denken, wie man will — er war ein hilfreicher und anregender Mensch, und so wird sein Einfluß auf die Ebner nicht zu unterschützen sein. Vielleicht haben sich schon hier Beziehungen zu Franz Grillparzer gegeben, dem schwer zugänglichen, der aber jeden reicher an Gedanken entließ, als er zu ihm kam, so daß die Ebner selbst den Eindruck und die Wirkung seiner Persönlichkeit also bezeichnete: Ging man von ihm, dann war's einem, als käme man von einem hohen, hohen Berge und stünde nun im weiten Flachlande. Vielleicht fand sich das erst später, da sie nach Wien übersiedelten. Dort leben sie noch heute: und ein weiter Kreis versammelt sich in Verehrung um die alte Excellenz — er ist nämlich zur Zeit Feldmarschall-Lieutenant in Pension, so daß ihr dieser Titel gebührt. Alte Freunde — Betty Paoli gehört dazu — mit jüngeren, wie sich eben der Zugang zu der stillen Wohnung in der lauten Rothenthurmstraße bietet; wie man eben vorkommt. Aber auch großstädtisches Elend und Leid hat die Ebner hier kennen gelernt.
Sie hat nach besten Kräften das Ihrige gethan, das zu lindern. Denn sie ist wirklich gut; den Eindruck empfängt jeder, der ihr nahen konnte, und der Satz aus dem „Gemeinde-Kind:" Niemand, der seinen Bissen auf dem Teller habe, könne heute mehr ruhig essen, solange ein anderer hungere — sei es aus Mitleiden, sei es aus Furcht, ist ein Bekenntnis. Auch „der Muff," gewiß ein Erlebnis, das in sehr tragikomischer Weise die schlimmen Folgen der unbedachten Wohlthätigkeit schildert, wäre dafür anzuziehen. Die nächste Empfindung aber ist wohl die echter Vornehmheit. Alles wirkt in den Räumen, die sie bewohnt, zusammen. Diese zu erwecken: die Stille in allem, der schöne Geschmack in der Einrichtung, das gedämpfte Licht, das überall herrscht. Es ist eine traurige Notwendigkeit; wohl ist die kleine, zierlich und etwas altmodisch gekleidete Gestalt noch rüstig und, trotz schwerer körperlicher Leiden, von mädchenhafter Anmut und Lebendigkeit der Bewegungen; aber die Hellen Augen, die so klug aus einem eckigen Gesichte, das dem eines altgewordenen Knaben gleicht, in die Welt sehen, sind schlecht geworden und vertragen nichts Grelles mehr. Das war ihr ja auch in der Kunst immer widrig. Unbenützt steht in ihrem Arbeitszimmer das Tischchen mit dem Handwerkszeug des Uhrmachers; so Künstliches kann sie nicht mehr. Aber die Sammlung alter, merkwürdiger Uhren, die sie angelegt, befindet sich noch darin; manches kostbare Stück ist darunter, und die ihr fehlten und die sie sich zumeist wünschte, hat sie großmütig ihrer Uhrmacherin Lotte gegeben. Aber dem Stnndenschlage der Zeit folgt sie wach und regsam und überhört ihn nicht. Keiner seiner Laute, der hier, in dieser stillen Stube, nicht nachhallte; gerne spricht sie darüber mit leiser, etwas harter und lispelnder Aussprache; niemals strenge, eher zu weich im Urteil, eher zu ängstlich bemüht, niemand zu verletzen. Auf Kampf nach außen scheint sie eben gar nicht gestellt. Nicht im Dichten, nicht im Leben; und wie rein sich bei ihr eines im anderen spiegelt. Das ist mit ein Ruhmestitel, und nicht der schlechteste unter denen, die Marie Ebner gebühren.