Heft 
(1889) 50
Seite
809
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50.

Deutschland.

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Feinschmecker beurteilen hier die geistigen Bedürfnisse des Volkes nach ihrem eigenen Geschmack. Einige weitere Feinschmecker des Pikanten werden den Beifall machen: das Volk aber, und auch das sozialdemokratische Volk, wird davonlaufen, Ein­schlafen, oder sich den Magen verderben. Ohne die gute Absicht der Stifter im geringsten zu bezweifeln, kann man ihnen den Vorwurf nicht ersparen, daß sie sich ans Doktrina­rismus an dem Geiste und Leben des Volkes versündigen.

Marie von (Lbner-Lschenbach.

Von

I. Z. David.

m 13. September dieses Jahres tritt Marie Ebner- Eschenbach in das sechzigste Jahr eines stillen, wenig bewegten, doch fruchtreichen und nach Freude des Schaffens und nach Leistungsfähigkeit gesegneten Lebens. Ihre Schöpfungen sind oft genug und nach Gebühr gewürdigt wor­den; es ist oft und von berufenen Richtern auf ihren Reich­tum an Motiven, auf die heitere Anmut ihrer Sprache hinge­wiesen worden, der doch in den entscheidenden Augenblicken Kraft und Wucht keineswegs abgehen. Der spielenden Lichter, mit denen ihr feiner und behender Humor in selbst ernste Gründe des Seelenlebens hineinzuleuchten versteht, hat sich jedermann erfreut, der eine von ihren besten Erzählungen ge­lesen hat; und welcher literarisch Gebildete kennte weder die ergötzlichenFreiherren von Gemperlein" noch dieZwei Kom­tessen" oderNach dem Tode," dieses Kleinod einer Kunst, die mit den einfachsten Mitteln der höchsten und ergreifendsten Wirkung gewiß und völlig sicher ist? Sie ist aller Techniken Meister; aus bösen Karten weiß sie ein hübsches und ganz rundes Novelettchen zu konstruieren; sie kann einfach und folge­richtig von Anbeginn bis zu Ende ihren selbstgesteckten Weg verfolgen; Tagebuchblätter und Briefe sind ihren Zielen schon dienstbar gewesen. Ihre Gestalten leben und bewegen sich selbstherrlich; sie reden jeder seine eigene Zunge, daß man schon daraus schließen müßte, die Verfasserin habe sich vielfach mit der eigentlichen Hochschule des lebendigen und wechselvollen Zwiegesprächs, mit dem Drama beschäftigt, wüßte man auch nicht von ihrem nicht völlig erfolglosen Ringen um den Kranz des Dramatikers, zeugten nichtvr. Ritter," das am Burg­theater mit Beifall gegeben wurde;Das Waldfräulein," von Laube im Stadttheater aufgeführt, endlichMarie Roland" undMaria Stuart in Schottland" dafür, läge nicht im Spätgeborenen" ein ergreifendes Bekenntnis ihrer Leiden, da sie diesem Ringen entsagen mußte und es nicht ohne weihen­den Schmerz thnn konnte, dem Leser vor Augen. In allen neueren Anthologieen sind Gedichte von ihr zu finden; schön in der Form, rein und edel im Empfinden; in vielen Händen sind ihre Aphorismen, das Buch, das dauern wird, wenn vieles vergessen ist, was heute das Entzücken des lauten Marktes und des stoffhungrigen Lesevolkes ist, das Weisheit, Duldung und Güte eindringlich und vernehmlich Predigt, einer Zeit ver­kündigend, daß der Gott nicht sterbe, die nur allzu willig den Götzen ihre Kniee beugt. Was aber wollte die Ebner, da sie sich zuerst in die Arena des literarischen Kampfes begab, auf die Wahlstatt der Geister, deren Unterlegenen manchmal der Tod das bessere Los wäre? Woher kam ihr jener große Um­fang des Stoffgebietes, der sie vom Palaste des Hochadels, in jenen Kreisen, wo man schon nach der Art, wie er sein Ge­spann zusammenstellt, den Menschen beurteilen kann, dann im Bürgerhause, auf dem Hofe des Bauern, endlich in der Hütte der Elenden und Enterbten des Glückes gleich sicher und hei­misch erscheinen läßt? Deckt sich ihre Persönlichkeit mit ihren Werken? Fragen, auf die hiermit nach bestem Können, wie es

genauere Kenntnis ihrer Werke und manche persönliche Berüh­rung erzeugten, die Antwort mindestens versucht sein soll.

Was also erstrebte die Ebner? Die Zeiten sind vorüber, in denen der Novellist nichts weiter war, noch sein wollte, als der Märchenerzähler des Orients, der einem müßig lungernden Volke farbige Bilder vor die leichtentzündliche und rasche Ein­bildungskraft zaubert. Wir danken es den Russen, deren Ein­fluß, besonders durch Turgenjew, auf die Ebner ganz über allem Zweifel ist, daß man nunmehr Höheres will und also auch kann. Die Fabel vom Unkünstlerischen, der Tendenz liegt heute friedlich in der Rumpelkammer der Ästhetik. Niemand gedächte ihrer mehr, holte sie nicht ab und zu ein weiser Richter und Kenner hervor, sich zum Tröste, anderen keineswegs zum Schaden. Und ganz besonders bei unserer Dichterin lassen sich drei Ziele deutlich erkennen: das Lob der Wahrheit will sie verkünden und sie hat's in ehrlicher Weise zweimal gethan; sie will erziehlich wirken; sie will ihr Wort erheben für die Stum­men, die Armen und die Mühseligen. Danach sollte sie be­urteilt werden; und insbesondere der zweite Punkt ist höchst belangreich und von einschneidender Wichtigkeit.

In aller Kürze also: Das hohe Loblied auf die gemeine Wahrheit, das sie schon in sehr frühen Jahren angestimmt hat, heißt Bozena. Der fast tragische Konflikt ist der: ein Mädchen, das durch lange Jahre in einem Hause gedient hat, das für ein Muster der Sittenstrenge und der Ehrenhaftigkeit gilt, hat sich vergangen, sich einem Manne hingegeben. Niemand ahnt etwas davon, da aber, während man sie gerade feiert, beschwört der Verführer, ein verlotterter und völlig verkommener Geselle, das Angedenken jener Stunde und ihrer Schwachheit herauf und Bozena, die leugnen könnte, giebt der Wahrheit die Ehre. Es lohnt sich ihr; ihr Wort, ihre Erklärung gelten fortab ge­nug, um die Eide anderer aufzuwiegen und ein geplantes Un­recht unmöglich zu machen. Wie hoch ihr aber die künstlerische Wahrheit steht, das erweist die Gestalt des Hellwig inLotte, die Uhrmacherin," der daran zu Grunde geht, daß er die Stimme in sich tötet, daß er der Menge und ihrem Geschmacke pflichtig wird, wenn ihn seine Begabung und sein eigenstes Wollen für Besseres bestimmt Hütten. Wie Lotte in vielen Dingen der Ebner innerlichste Arbeit ist, so etwa in der behaglichen Freude, mit der sie der feinen Kunst der Uhrmacherei Ruhm verkündet und des Handwerkes Lob singt, das sie selbst einmal gerne übte, so ist diese Meinung über die wahre Sünde am heiligen Geiste der Poesie gewiß die ihre.

Als erziehend aber wird man wohl vor allemNach dem Tode" ansprechen müssen. Ein Mann mag noch so begabt, noch so glücklich sein und scheinen, er kann nicht ein völliger Mensch sein, ehe ihm nicht das Bewußtsein der Pflicht gegen andere erwacht ist. Geschieht ihm das zu spät, hat er in blin­der Selbstliebe eine Neigung von sich gestoßen, die ihm willig und freudig entgegenblühte, hat er dessen nicht gedacht, was er seinen Nächsten, seinen Eltern und seinem Kinde geschuldet, dann mag das Bessere, das in ihm lebendig wurde, manchen schmerz­lichen Kampf und manche traurige Entsagung von ihm fordern. Die Erziehung des Heimlosen zum Heimatsgefühl war ohne allen Zweifel das Problem desKreisphysikus." Schäden in der Bildung, die im österreichischen Hochadel einzureißen drohen, die ihn verwildern und nicht mehr zum Hüter der schönen Form, der er einstmals war, berufen erscheinen lassen, sind der Vor­wurf von Komtesse Mirochi, die nur im Sport lebt, die bei aller inneren Tüchtigkeit und Gesundheit doch schon noch un­vermählt ein wenig mit dem Gedanken an einen künftig mög­lichen Ehebruch spielt. Ihr Zwillingsschwesterchen Paula aber warnt vor der Verkümmerung des Herzens und seiner Wahl

es ist gewiß auch kein Zufall, daß die vollendetste Welt­dame, Thekla inNach dem Tode" eigentlich ganz herzlos ist

und stellt nebenbei in der guten Mademoiselle Duphot, die gut ist wie ein Engel, aber auch von den Dingen dieser Welt nicht mehr Ahnung hat als ein Engel, ein ganz aller­liebstes Musterchen einer vollkommenen adeligen Erzieherin der Lesewelt vor.