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Deutschland.
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nalen Gedenktagen aus seinem Schlummer erweckt werden zu können; außerhalb derselben werden erst recht nur volkstümliche Helden: für Preußen etwa der alte Fritz, der alte Dessauer, Blücher, Wrangel im „Volke" wirkliche Sympathie finden, — zur Zeichnung staatsmännischer Charaktere ist im Volksstück kein Raum.
Wie aber? Sollten nicht gerade die großen Fürsten, Minister und Feldherren geeignet sein, den Partikularismus des dialektischen Lokalstückes zu Gunsten eines allgemein nationalen Repertoires zu überwinden? Leider muß es ausgesprochen werden: Deutschland hat in der Neuzeit wenig einheitliche Geschichte, oder doch wenig gemeinsame Helden. Nur der Befreiungskrieg von 1813 und der Einheitskrieg von 1870 bilden herzerhebende Ausnahmen. Hier setze die nationale Dramatik an und führe die Jork und Blücher und Gneisenau, die Stein und Hardenberg, die Moltke und Bismarck, die Preußenkönige und die Napoleonen mit keckem Griff auf die Scene. Es sei denn, daß man das yrmts inilisu für andere geschichtliche Ereignisse zu finden weiß, wie Lessing in der „Minna von Barnhelm," — in dieser Hinsicht harren namentlich die Ereignisse von 1866 der dramatischen Verewigung.
Ein ebenso unbilliges als unerfüllbares Verlangen wäre es aber, daß sich das Volk an jedem Werkeltage aus der Gegenwart in die Vergangenheit verliert: der gehört der Arbeit, dem Leben und Streben, der Sorge um Wohl und Wehe des Individuums und der Familie. Sozial also ist das Hanpt- thema des Bolksdramas. Nur denke man ja nicht an die spitzfindigen „Probleme," an welche sich unter ausländischem Einflüsse unsere stirnrunzelnden Poeten herangewagt: Leben will das Volk, keine Jdeenkonstrnktionen; reflexionslos betrachtet das Volk sein Leben, und so naiv reflexionslos, so keusch — möchte ich sagen — betrachtet jede wahre Poesie das Leben, ohne intellektuell-moralisierendes Mittel. Weiterhin dürfen nicht die Situationen der „Gesellschaft" zur Darstellung kommen, sondern das eigentliche Volksleben in Freud und Leid.
Wird somit positive Darstellung des Lebens ohne deklamierende Tendenz gefordert, so liegt unter den gegenwärtigen literarischen Verhältnissen die Frage nahe, ob damit ein naturalistisches Drama für die Volksbühne gegeben ist. Soweit die Naturtreue sich in den Grenzen der Kunst hält, ist sie gewiß wesentlich gerade für Bilder aus dem schlichten Volksleben ; soweit sie aber, wie der heutige Naturalismus, nicht sowohl künstlerischen Genuß als vielmehr in erster Linie sklavische Wiedergabe besonders auch der Nachtseiten des Lebens erstrebt, wird gerade der Zweck einer Volksbühne dadurch vereitelt werden. Nicht Ekel und Verzweiflung, sondern Erhebung und neuen Lebensmut will das Volk hier finden, und wenn gewiß auch seine Leiden hier zur geläuterteu und läuternden Veranschaulichung kommen, so muß ihr doch alles Pathologische fernbleiben: nicht nachdrücklicher soll der Mensch, und besonders der aus dem Volke, auf sein Elend hingestoßen werden, sondern er soll es leichter ertragen lernen in dem Bewußtsein, daß sein Weh nur klein und vorübergehend ist im Strom des Lebens, der denn auch wieder Trost und Freude heranschwemmt.
Aus solchen Bausteinen wird sich eine Volksbühne errichten lassen. Ob das Material dafür überall in deutschen Gauen vorhanden ist, wage ich nicht zu entscheiden; denn als erste Vorbedingung für Volksdichtungen und Volksbühnen erweist sich nach alledem ein reiches, in sich geschlossenes, keusch in sich selbst gekehrtes — Volksleben.-
Vergleichen wir mit diesen Bedingungen einer echten Volksbühne dasjenige, was heute eine „Freie Volksbühne" als ihre Absichten ankündigt, so können wir nicht mit der Überzeugung znrückhalten, daß ihr im großen wie im einzelnen auch nicht ein Schimmer ihres Berufes vorschwebt. Selbst den nationalen Rahmen sahen wir als zu weit für eine Volksbühne an: die „Freie Volksbühne" will international sein, will auch russische, norwegische und französische Sittenbilder aufführen. Schlicht gemütvolle Darstellung des Lebens ohne
Ideen-Probleme erkannten wir als Wesen besonders gerade des Volksstückes: die „Freie Volksbühne" fordert ausdrücklich Tendenz, versteht sich: moderne Tendenz. Eine echte Volksbühne soll dem Volke Erhebung und Genuß bringen, soll es herausheben aus der Enge und dem Elend seiner Verhältnisse: die „Freie Volksbühne" wühlt ausschließlich naturalistische Stücke, welche vorwiegend, und gerade auf ein ungebildetes Publikum, düster und niederdrückend wirken. Mit einem Worte: ein sozialdemokratisches Theater mag das Unternehmen der Herren Wille und Türk sein, eine Volksbühne ist es nun und nimmermehr.
Ein sozialdemokratisches Theater! Da stehen wir an dem Anfang eines interessanten Weges: jede Partei wählt sich ihre Tendenzstücke und schließt andere Werke aus; namentlich werden von allen Hofbühnen die Dramen Schillers als revolutionär verbannt und an deren Stelle loyale Stücke aus dem Zeitalter Ludwigs XIV. gesetzt!! Feierlich sei hiermit festgestellt, daß es die sozialistisch-demokratische Seite war, von welcher die Einseitigkeit, Engherzigkeit und Unduldsamkeit ausging.
Und weiter wird es auf demselben Wege gehen: ebenso wie eine Kunst in „unserem" Sinne, wird man, sobald die Macht dazu vorhanden, eine Wissenschaft in „unserem" Sinne fordern: die Schulen und Universitäten werden — auch ein Beitrag zur Schulreform-Enquete! — „volkstümliche," d. h. sozialdemokratische Institute, und nur die „moderne," d. h. „unsere," d. h. die materialistische und utilistische Wissenschaft, ist zugelassen! Hier erhellt wieder einmal, daß die sozialdemokratische Staatsform die unfreieste und intoleranteste wäre: sie sucht nicht die Wahrheit, sondern glaubt sie gefunden zu haben, sie kennt keine „freie Wissenschaft," sondern nur eine „in unserem Sinne moderne Wissenschaft."
Doch zurück zu der Volksbühne. Stellen wir uns ans den Boden der Thatsachen; prüfen wir die ausgewühlten Stücke auf ihre Brauchbarkeit für ein sozialdemokratisches Theater. „Vor Sonnenaufgang" von Gerhard Hanptmann auf einer sozialdemokratischen Bühne kann nur eine Tendenz haben: den Sozialdemokraten Loth als vorbildlichen Charakter zu zeigen, d. h. denjenigen Mann, der seine kerngesunde und keusche Geliebte ohne Wimpernzucken wie selbstverständlich im Stiche läßt, sobald er erführt, daß ihr Vater ein Trunkenbold und somit Vererbung aus seine Nachkommen zu befürchten sei. Der Teufel hole die Liebe und dergleichen „unmoderne" Gefühle! es lebe „unsere" „moderne" Tendenz! — Tolstojs „Macht der Finsternis" und Zolas „Therese Raquin" führen in einen Abgrund von Verbrechen und weiter nichts, sie können dem Volke höchstens die Sonntagslaune verderben. — Ibsens „Gespenster" sind bestenfalls ein Gericht für litterarische Feinschmecker, dem Mann und gar der Frau aus dem Volke geht dies wie alle andern gewühlten Stücke weit über den Horizont. — Und nun gar Ibsens „Volksfeind!" Ja, wollen die Herren Volksbüh- nen-Freiheitshelden eine Satire auf sich selbst darstellen? Mit wuchtigeren Keulenschlügen ist wohl selten die demokratische Majoritütsdespotie niedergeschmettert, leidenschaftlicher selten das individuelle Recht des Geistesaristokraten verteidigt worden: eine teils habsüchtige, teils betrunkene Masse ist es, durch welche der satirische Dichter den Wahrheitshelden niederjohlen läßt! — Nicht viel anders steht es um „Dantons Tod" von dem leider allzu früh verstorbenen Büchner: zeigt doch dieser dramatische Scenen-Komplex, wie die Revolution ihre eigenen Erzeuger verschlingt! Guten Appetit! Vielleicht soll die Aufführung vor einem Versumpfen der Revolution warnen ... — Bleibt „Familie Selicke" von Holz und Schlaf, ein Stück, das wenigstens einige Berlinische Volksfiguren anfweist; aber selten ist wohl unzweifelhaftes Talent an etwas so Geschmackloses gesetzt worden: recht eigentlich in den Schmutz und das trostlose Elend (guter, teils selbstverschuldeter) Armut wird der Zuschauer hineingerissen, — und dieses sentimental ersterbende Lallen soll dem Volke Erholung und Erhebung bringen?!
Nein, sagen wir ehrlich: nie ist etwas so verkehrt angefaßt wie hier; einige junge, halb und halb gebildete litterarische