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Deutschland.
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soll alles Volksdichtung sein. Allmählich hat der Begriff etwas Mystisches erhalten, dicke Wolken heiliger Unnahbarkeit haben sich zwischen ihn und unser Auge geschoben, und es giebt ernste und gelehrte Leute, welche das Wort „Volksdichtung" nie aussprechen, ohne in Gedanken den Hut zu ziehen und die Hände zu falten: Am Uranfang aller Poesie thront sie als ewiges Vorbild; die erste Blütezeit unserer Litteratur feiert mit ihr im Nibelungenlied den höchsten Triumph; vom 14. bis 17. Jahrhundert drängen sich Volkslieder verschiedenster Stände in ungemessener Fülle; dazu kommen prosaische Volksbücher; Hans Sachs bezeichnet den Stil der deutschen Volksbühne; die Göttinger Klopstock-Jünger und Bürger, die Stürmer und Dränger nebst Goethe streben nach Volkstümlichkeit; Herder sammelt, erklärt und verherrlicht Volkslieder naher und entlegener Nationen, selbst angeblich wilder Stämme, und die Romantik schreitet auf dem Wege von der Wiedergabe zur nachschaffenden Aneignung des volkstümlichen Tones weiter vor! Die gegenwärtige Auffassung bezeichnet man wohl am richtigsten so, daß ein weithin gesungenes Lied, znmal wenn der Verfasser unbekannt ist, als Volkslied gilt, im übrigen aber Volksschriften und Volksbühnen ihren Namen von der leichten Verständlichkeit und — Billigkeit des Gebotenen herleiten.
Noch einmal also: was ist volkstümliche Kunst? In erster Linie tragen die Erzeugnisse des ältesten schriftlosen Zeitraums der Dichtung den Namen Volkspoesie, und in mehr als einer Hinsicht mit Recht. Die Stoffe sind thatsüchlich nicht Erfindung eines Einzelnen, sondern der nationalen Sage entnommen, an deren Ausbildung die Phantasie ganzer Geschlechter durch Fortspinuung und Umbildung eines naturmythologischen oder geschichtlichen Kernes unbewußt mitarbeitet. Auch die Form ist dem — als Feststeller der eigeutlichen Fassung natürlich immer anzunehmenden — Einzeldichter bereits gegeben: es ist die allgemeine, einzig bekannte Vers- und Reim- oder sonstige Art der Harmonie, wie sie sich aus dem Geiste der be- treffeuden Sprache, also ebenfalls des Volkes entwickelt, — so Alliteration für die germanische, Assonanz für die romanische Völkerfamilie. Für die älteste geschichtlich ergründete Zeit kommt dazu der chorartige Vortrag durch die Gesamtheit; aber auch alsdann, wenn bereits ein einzelner Sänger auftritt, wendet sich sein Lied wenigstens doch an die geistig gleich disponierte Gesamtheit des Volkes. Darum zeigt der ästhetische Stil keine Kennzeichen individuell variierender Einzelempfindung, sondern objektive Darstellung der Thatsachen ohne Schmuck und Mannigfaltigkeit, ist also schlicht und formelhaft. Sonstige Eigenschaften der Volkspoesie, namentlich ihre plastische Anschaulichkeit und dramatische Entfaltung, erklären sich aus dem mündlich freien Vortrag; denn was nicht schriftlich vor unser natürliches Auge tritt, muß um so sinnfälliger vor unser geistiges Auge gestellt werden. Diesem Jdealtypus der Volkspoesie entspricht wesentlich höchstens noch unser Hildebrandslied ; sobald die Einförmigkeit des Volkslebens schwindet, machen sich Einflüsse der Ständesonderung selbst in der Auffassung und Behandlung nationaler Sage geltend: so sind höfische Elemente schon im Nibelungenlied unverkennbar.
Viel tiefer greift alsdann der Unterschied zwischen alter Volkspoesie und späterer volkstümlicher Poesie ein. Auch hier zwar ein schlichter, anschaulicher, den Bolksgeist spiegelnder Stil; aber die Subjektivität, die Empfindung drückt nunmehr auch dieser Dichtungsart den Stempel auf; vollends an der Ausbildung von Stoff und Form ist das Volk als Ganzes unbeteiligt, außer daß sich ein nicht ausgezeichnetes Lied im Bolksmunde hie und da ummodelt; im übrigen ist es der Dichter, welcher Thema, Stimmung und Form feststellt, — nur ist dieses Thema dem Leben und Herzen des Volkes nahestehend, nur ist diese Stimmung dem Geiste des Volkes entsprechend, und ebenso die Form leicht aufnehmbar. Also wirklich nicht aus dem Volke hervor, sondern in dasselbe hinein gewachsen ist die moderne sogenannte Volksdichtung, so daß über die Zugehörigkeit zu dieser Gattung in erster und letzter Linie die weite Verbreitung im Volksmunde entscheidet. Das
Hildebrandslied ist eine Volksdichtung vermöge seiner Entstehungsgeschichte; die Wacht am Rhein konnte erst durch ihre Verbreitung ein Volkslied werden.
Man halte das Ergebnis dieser Gegenüberstellung nicht für kleinlich: wissen wir doch dadurch, daß heutzutage nicht mehr eine fertige Volksdichtung und Volksbühne geschaffen, sondern nur eine werdende in beharrlicher Progression erstrebt werden kann. Es gilt also Stoffe, Stimmung und Form so zu wählen, daß sich das Herz des Volkes an geheimelt fühlt, daß es Geist von seinem Geist spürt, und darum die Dichtung nicht nur vorübergehend mit Wohlgefallen betrachtet, sondern zu dauerndem Besitze in sich aufnimmt: um das Lied bei gleicher Gemütsdisposition häufiger zu singen, um dasselbe Drama bei gleicher Gelegenheit häufig wieder zu hören. Um mich in letzterer Hinsicht von vornherein verständlicher zu machen, wühle ich ein paar Beispiele: Giebt man alle Pfingsten dasselbe Luther-Festspiel, am Tage von Fehr- bellin oder Sedan Kleists „Prinzen von Homburg," alljährlich — wie Laube — am Allerseelentage Raupachs „Müller und sein Kind" und am Katharinentage Kleists „Küthchen von Heilbronn," — so können diese Dramen mit dem Leben und Fühlen des Volkes verwachsen.
Aber noch in manchem andern Sinne wird ein Kunstinstitut volkstümlich werden können. Betrachten wir doch die alte deutsche Volksbühne bis zum 16. Jahrhundert. Auch sie weckte die Teilnahme des Volkes durch Zusammenhang mit Kultus und Volksfesten; ja, die Fastnachtspiele und dergleichen bildeten eine Vermittelung zwischen Volksleben und Bühne. Das Publikum befand sich dabei in ähnlicher Lage wie heutzutage Kinder im Puppentheater: alle gleich naiv, gleich empfänglich und intellektuell gleich unausgebildet. Verhehlen wir uns nicht, daß nach dieser Richtung die Aufgabe einer heutigen Volksbühne wesentlich erschwert ist: nach den Ständen und Bildungsstufen hat sich der Geschmack des Publikums geteilt. Im selben Sinne wie der Begriff Volk wird die Bezeichnung Volksbühne nur noch auf die unteren Stände bezogen. Nun wirken freilich die Stücke eines Raimund beispielsweise auf jedermann: das Volkstümliche daran ist das Allgemein-Menschliche in schlichtester Form, die gerade unwiderstehlich ans jeden wirkt, der sich noch eine Spur unübertüuchter Naturreinheit im Herzen bewahrt hat. Aber giebt es nicht zu denken, daß Verbreitung und Eindruck dieser Raimundschen Dramen nirgends annähernd so stark sind wie in seiner Heimat Österreich? Wiederum scheint sich doch also die Anknüpfung an das Nächstliegende belohnt zu haben.
Eine Volksbühne wird nach alledem nicht möglich sein ohne ein ansreichendes volkstümliches Repertoire, und dieses wird um so schwieriger zu beschaffen sein, als jeder Gau nach seiner eigenen Stammeseigentümlichkeit seine eigene „Volkstümlichkeit" hat. Thatsüchlich arbeitet denn auch die Hamburger Volksbühne mit ganz anderen Werken und Werkzeugen als die Wiener oder die Münchener. Ähnlich wurzelt ja auch fast jedes Volkslied in einer bestimmten Gegend, — „volkstümlich" ist also in der Litteratur ein sehr partikularistischer Begriff und in gewissem Sinne schroffer Gegensatz zu „national."
Fragt man also: woher ein volkstümliches Repertoire? woher so viele verschiedene volkstümliche Repertoire nehmen? so lautet die Antwort: ihre Quelle liegt da, wo Müller und Schulze ihre weisen Unterredungen halten, wo Bliemchen in seiner sächsischen Gemütlichkeit wandert, wo der bayrische Ge- birgsbursch sein Schnadahüpfl singt. Wieder zeige Raimund, daß damit die Durchführung des Dialektes nicht als einzig wesentliche Forderung aufgestellt ist: den Gemüts ton des Stammes gilt es in erster Linie zu treffen, und allerdings wird derselbe sich schon wirksam in der Sprachfürbung aus- drücken.
Welchem Gebiete sollen nun aber die Volksbühnen ihre Stoffe entnehmen? Der geschichtliche Sinn des Volkes ist wenig ausgebildet, er reicht gerade hin, um an großen natio-