Heft 
(1991) 51
Seite
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Die Patriotische Thematik artikuliert sich bei Scherenberg in einigen Gedichten der Ausgaben von 1845 und 1850 1 und in Schlacht-Epen, die ab 1845 großen Anklang im Tunnel fanden. Die Lesung seines ersten epischen Versuches, einer Schilderung der Schlacht bei Ligny, am 16. Juni 1815, zwei Tage vor Waterloo, war ein denkwürdiges Ereignis, das Wilhelm von Merckel in einem nicht weniger denkwürdigen Protokoll festhielt :

»Der Referent erinnert sich lediglich einer erbitterten Fehde darüber, ob aus der Schlacht ein Gedicht oder aus dem Gedicht eine Schlacht ge­worden sei, eine Schlacht, zu deren Lieferung der Dichter alle Rüstungs­kammern und Zeughäuser der Sprache geplündert habe ... Unser Campe, vulgo Schneider, der zu den wenigen unbedingten Enthusiasten des Abends gehörte, beantragte, das Gedicht noch einmal zu hören, ward aber mit seinem Verlangen kurz abgewiesen, da nicht jeder die primitive Kraft habe, dieselbe Schlacht an einem Tage zweimal zu schlagen." 2

Waterloo, die Fortsetzung von Ligny, an der Scherenberg unbeirrt und vom zeitgenössischen politischen Geschehen scheinbar unberührt 1847 und 1848 wei­terarbeitete, wurde 1849 zu einem nationalen Ereignis.

Alle Bataillen des Vaterlandes kamen eine Zeit lang in Gefahr, in fünffüßigen Jamben besungen zu werden'? lautet Fontanes Kommentar. Das Gedicht er­lebte in schneller Reihenfolge mehrere Auflagen. »Rhetoren" zogen durch die preußischen Provinzen und deklamierten das Epos vor Schüler- und Lehrerver­sammlungen. Der König öffnete zum Dank seine Schatulle. Von diesem Er­folg angespornt, plante Scherenberg eine großangelegte epische Darstellung der friderizianischen Feldzüge, brachte aber nur zwei Bruchstücke zustande, Leuthen 1852 und Hohenfriedberg 1868.

Kaum ein Werk hat im Vor- und im unmittelbaren Nachmärz den »Tunnel" so stark beschäftigt wie das Scherenbergsche. Es gefiel zwar nicht allen und weckte neben viel Begeisterung auch starke Widerstände, aber es ließ kein Mitglied gleichgültig, denn es berührte einen empfindlichen Punkt. Scheren­bergs Dichtung war - im übertragenen wie im eigentlichen Sinn - einheiße r Brei", um den der Tunnel fasziniert und mißtrauisch herumstrich. Sie war von unverkennbar politischer Brisanz, aber auf konfuse, doppeldeutige und ziem- lieh suspekte Art. Sie war patriotisch in ihrer Thematik und pathetisch in ihrer Rhetorik, eignete sich daher gut zu heroischem und erbaulichem Vortrag. Einem aufmerksamen Zuhörer wären aber merkwürdige Mißtöne aufgefallen, ein son- derbares Interesse für Niederlagen, eine bedenkliche Sympathie für das Lage r der Geschlagenen, ein unsoldatisches Mitleid für das geschundene, dahinge- schlachtete Fußvolk, ob Sieger oder Besiegter. Die unklare Gesinnung hüll te sich in einen Ausdruck von wilder, verwirrender Gesuchtheit, die vielen Tun- nelianern als eine aufregende Neuheit erschien. Diepoetische" Rätselhaftig- keit der Scherenbergschen Sprache gestattete jede Fehlinterpretation und kam jedem Vorurteil entgegen. Der verkappte Demokrat blieb letztlich unentdeckt. Er hütete sich auch, ein Mißverständnis zu beseitigen, dem er Anerkennung und

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