Heft 
(1991) 51
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an, daß ein solcher Prozeß in Gang gesetzt und dann - irgendwie - zu Ende geführt wird, während Fontane seinen Lesern erheblich mehr zumutet, denn wenn Hilde am Ende Baltzer Bocholt heiratet, so bleibt selbst die Wahrschein­lichkeit ihrer Entscheidung fragwürdig. So viel ist indessen gewiß: Fontane er­zählt nicht, ohne das Gegenbild Goethes im Auge zu behalten. Seine Absicht ist aber nicht, als einer aus der Nachfolge Goethes zu gelten wie Stifter, sondern er will Goethes Welt, die ihm auf dem Kopf zu stehen scheint, wieder auf die Füße stellen.

Was beide Erzählungen geheimnisvoll miteinander verknüpft und doch den tie­fen Unterschied zwischen ihnen zutage treten läßt, ist die Tatsache, daß hier wie dort das erotische Angebot von der Frau auszugehen scheint. Die Schwester des Majors erklärt diesem, daß ihre Tochter Hilarie ihn, den Onkel, liebe. Er, eben noch eifersüchtig auf einen vermeintlichen Geliebten, ist von der über­raschenden Mitteilung so angetan und geschmeichelt, daß er in einer Mischung von Eigenliebe, Noblesse, Takt und Schicklichkeit das Mädchen seinerseits zu lieben glaubt: ein Gefühlsirrtum, wie sich zeigen wird. Hilarie hat sich in ein Gefühl hineingesteigert, das sie nicht festzuhalten vermag, als die Umstände ihr einen jüngeren und schon dadurch natürlicheren Partner zuführen. Der Major scheint zu verzweifeln, aber reflexionsgeübt und selbstdiszipliniert findet er sich in seine wahren Verhältnisse zurück. Er vermag zu entsagen und dem Sohn den Weg freizugeben, wofür er, um das leicht Märchenhafte der Begeben­heit zu betonen, mit der Hand der schönen Witwe belohnt wird. Alle tragischen Verstrickungen werden vermieden: Gefühlsirrtümer sind korrigierbar und ver­zeihbar, und dies um so mehr, wenn das Natürliche an die Stelle eines mehr oder weniger Unnatürlichen treten kann.

Fontane geht, was die Begründung der Leidenschaft Baltzer Bocholts durch das Verhalten Hildes anbelangt, sehr viel behutsamer zu Werke als Goethe. Wäh­rend die Liebeserklärung des Majors die fast selbstverständliche und von den Betroffenen allseits begrüßte Folge der Enthüllung der Baronin ist und selbst Hilarie ohne falsche Scham und ohne den leisesten Anschein von Bitternis die offenkundige Indiskretion der Mutter akzeptiert, ohne daß darüber ein Wort verloren würde, weil der beste Wille aller im Verhältnis zueinander vorausge­setzt werden kann und niemand etwas anderes will als das Glück des anderen, ist die erste und entscheidende Ursache für die Leidenschaft Baltzer Bocholts von Fontane viel intrikater angelegt. So oft in seinen Werken der Altersunter­schied der Eheleute Ausgangspunkt der Verwicklungen war, nirgends läßt er die Initiative zu einer solchen Ehe von der Frau ausgehen. Wenn inEllernklipp" die Handlung das auch zu widerlegen scheint, es scheint eben nur so. Die immer wi ederkehrende Konstellation in Fontanes Romanen: alter Mann und junge Frau (die ja auch in Goethes Novelle vorhanden ist) barg für ihn doch wohl zu viel ari Unnatürlichem, als daß er der Frau einen solchen Irrtum des Herzens hätte aufbürden wollen. Was Goethe mit spielerischer Leichtigkeit im Rahmen einer labilen Gesellschaftsordnung beginnen und mit Ernst und Würde im Unbe­stimmten enden läßt, das nimmt bei Fontane seinen Anfang in einer dramati-

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