Heft 
(1992) 54
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sittliche" Bildung in den Vordergrund. Zwar hat Fontane in einem gewissen Maße recht, wenn er in seinem Antwortbrief (2.5.1853) auf die sittliche Bildung verweist, die 1813 darin zum Ausdruck gekommen sei, daß die Stadt Berlin zehntausend Freiwillige" für den Befreiungskampf gegen Napoleon gestellt habe. Aber wenn Fontane dann mit erhobenem Zeigefinger fortfährt Schles­wig-Holstein in Ehren, aber das haben S i e uns noch nicht nachgemacht", dann wird auch die andere Perspektive deutlich: Fontane verweist auf die patrio­tisch-heroische Seite der Bildung, wie sie sich aus der Geschichte Preußens ergibt, hat also die staatspolitischen Leistungen Preußens für Deutschland, ja für Europa im Auge. Storm interessiert diese historisch begründete patriotisch­heroische Seite wenig, ihm geht es um die innerstaatlichen, um die gesell­schaftlichen Verhältnisse. Ganz offen bekennt er später (rückblickend) 9 :Mich interessiert mehr der Mensch, als die Menschheit, mir fehlt wohl das, was man historischen Sinn nennt". Und da Storm den Unterschied zwischen seiner und der Fontaneschen Sichtweise - als Dichter und im Gespräch - immer wieder an Beispielen aus seinem eigenen, also Husumischen und Schleswig-Holsteini­schen Erfahrungsbereich deutlich zu machen versucht, kommt es von Fontanes Seite (in seinem Storm-Kapitel, S. 200) zu dem berühmt-berüchtigten Vorwurf derHusumerei" . 10 Viele - auch viele Literaturgeschichten - haben diesen Vor­wurf nachgesprochen, ohne ihn als Resultat unterschiedlicher Perspektiven zu erklären, ja, ohne darauf zu verweisen, daß Stormsverengter Horizont" nicht nur ein Manko war, sondern auch einenvertieften Blick" 11 ermöglichte, der vor Fehlentwicklungen bewahrte, nämlich vor jenem Preußenpatriotismus und vor jenem Konservatismus, wie er bei Fontane in den 60er Jahren, in den ersten Büchern der Wanderungen durch die Mark Brandenburg und in den ersten Kriegs- büchern sichtbar wurde.

Trotz so gegensätzlicher Sichtweisen aber haben Storm und Fontane in den 50er Jahren über alle politischen Meinungsverschiedenheiten hinweg ein freundschaftliches Verhältnis zueinander aufbauen können. Das zeigt schon das Geburtstagsgedicht, mit dem Fontane wenige Monate nach den geschilder­ten brieflichen Auseinandersetzungen Storm in Berlin am 14.9.1853 begrüßen kann, das in Anlehnung an Storms Oktoberlied beginnt:

Der Herbst ist da, und Storm ist da,

Schenkt ein den Wein, den holden,

Wir wollen diesen goldnen Tag

Verschwend'risch noch vergolden.

In seinen Erinnerungen an Storm (1888) schreibt Fontane dann auch im Rück­blick auf die 50er Jahre:Ich war damals, wie zu jeder Zeit bis auf diesen Tag, ein unbedingter Stormianer, und ich wüßte keinen Dichter zu nennen, selbst die größten mit eingeschlossen, der mir soviel Freude gemacht hätte wie Storm" (S. 93).

Wie gefestigt diese Freundschaft war, dokumentieren die langandauernden brieflichen Dispute, die anläßlich einiger anzüglicher Bemerkungen, die sich Fontane Storms Frau Constanze gegenüber erlaubt hatte, gewechselt wurden. Trotz energischer und deutlicher Worte auf beiden Seiten konnte die Geschieh- 52