LITERATURGESCHICHTE / INTERPRETATION
Peter Hasubek, Braunschweig
Der junge Heinrich Mann und Theodor Fontane
Zu den Anfängen der Gesellschaftsnovelle bei Heinrich Mann
Kennst Du Theodor Fontane? Er ist mein Leibpoet unter den Neuen. (1890) Fontane ist nun mal ein Lieblingsthema von mir. (1891)
Wenn Tatjana Awagjan 1985 in ihrer vergleichenden Studie 1 über Theodor Fontanes Roman Frau Jenny Treibel und Heinrich Manns Im Schlaraffenland bemerkt, daß der „Einfluß Theodor Fontanes [...] auf das Schaffen Heinrich Manns" bis heute nicht „Gegenstand wissenschaftlicher Untersuchung" war, so kann man dieser Feststellung nur zustimmen. Ohne zu übertreiben, muß man hinzufügen, daß bislang besonders das Frühwerk Manns, voran seine frühe Novellistik, in der Forschung unter wirkungsästhetischen, thematischen und formtypologischen Gesichtspunkten weitgehend ignoriert wurde. Wenngleich man es hier mit tastenden Anfängen Manns zu tun hat, denen künstlerische Qualität in den meisten Fällen mangelt, so ist es um so wichtiger, hier nach den Einflüssen und literarischen Vorbildern und deren Folgen für das Werk Manns zu fragen, weil sich gerade in dem Jahrzehnt zwischen 1890 und 1900 seine geistigen und literarischen Grundhaltungen ausbilden, deren Langzeitwirkungen zum Teil noch im Spätwerk festzustellen sind. Bei der Erforschung der Einflüsse und prägenden Vorbilder sind nur einige Anfänge gemacht, die mit den Namen Paul Bourget, Friedrich Nietzsche und Heinrich Heine bezeichnet sind. Hinsichtlich anderer Autoren - Goethes, Storms, Fontanes - herrscht noch weitgehend das Zwielicht bloßer Vermutungen und Andeutungen.
Tatjana Awagjan beschränkt sich in ihrer Untersuchung im wesentlichen auf den Vergleich der genannten Romane und dringt nur gelegentlich zu weiterführenden Ergebnissen vor. Die Frage, inwieweit Heinrich Mann von Fontane Kenntnis nimmt und beeinflußt wird, erörtert sie im wesentlichen von einigen Äußerungen des alten Heinrich Mann her und übersieht offenbar die große Wirkung, die Fontane auf den jungen Heinrich Mann hatte 2 . Die Verfasserin beobachtet Entsprechungen bzw. Ähnlichkeiten zwischen Fontane und Heinrich Mann bei thematischen Aspekten, dem bourgeoisen Milieu der Personen, der typisierenden Figurengestaltung, der Gesprächsstruktur, der Detailschilderung und der Aufhebung der sozialen Grenzen. In anderen Punkten gehe Mann über Fontanes Darstellungskunst hinaus, so zum Beispiel bei der Verstärkung der kritisch-satirischen Tendenz, bei der Analyse der inneren Welt der Figuren und auch bei der energischeren Typisierung der Personen. Sie kommt