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Die musikalisch-theatralischen Veranstaltungen am Hofe lassen sich in drei Gruppen sondern: neben der eigentlichen Oper die mythologisch eingekleideten Lustballette französischer Faktur und die szenisch aufgeführten Kantaten deutschen Charakters. Die Oper selbst stand auf italienischem, in der Regel auf venezianischem Boden. Der lhaupttertdichter ist der witzige Abbate Ortensio Mauro für die italienischen und der plumpere aber begabte Johann von Besser für die deutschen Libretti. Attilio Ariosti und der bedeutendere Giovanni Bononcini sind unter den Komponisten die wichtigsten. Die Königin selbst hat dann und wann als Librettistin und, wie es scheint, auch als Tonsetzerin mitgearbeitet. Leider sollte eine nachhaltige Wirkung von diesem Opernwesen nicht ausgehen. Nach dem Tode Sophie Tharlottes gab cs nur noch bei besonders festlichen Anlässen Singspiele, deren Bedeutung aber nicht an die der früheren heranreicht. ^
Mit dem Ableben Friedrichs I. hörten die Oper und Hofkapelle vollends auf. Ts ist bekannt, daß die erste Regierungshandlung Friedrich Wilhelms I. ein Federstrich durch die meisten Posten des Hofpersonaletats war; ihm fiel'auch die Kapelle zum Opfer. Die ganze musikalische Vergangenheit war mit einem Schlage um ihre Früchte gebracht und der Vergessenheit anheimgegeben. Die neue Musikkultur der friderizia- nischen Zeit holt ihre Wurzeln auswärts; sie hat keinerlei organischen Zusammenhang mit der alten, die Joachim Hektar ins Leben gerufen hatte.
Jahrzehnte absoluter musikalischer Ode folgen. Bei Hof wird keine Musik gemacht, an den Kirchen wirken mittelmäßige Kantoren und Organisten; über die Schüier- chöre werden bereits Klagen laut; die Stadtpfeifereien zählen nicht mehr mit.
Abermals zeigt sich hier die Erscheinung, die dann noch einmal an der Wende zum tß. Jahrhundert hervortritt, daß jeder Rückgang der höfischen Musikkultur ein Aufblühen der bürgerlichen zur Folge hat. Die Persönlichkeit, die hier die Initiative ergriff, war der Domorganist Gottlieb Hayne. Als erster in Berlin veranstaltete er im Domschul Hause regelmäßige Musikübungen, an denen neben seinen Domschülern auch Erwachsene aus Liebe zum Gesang teilnahmen. Damit wurde Hayne der Vater des Berliner Gesangvereinswesens, auf dem ja in der neueren Musikgeschichte unserer Stadt der Hauptakzent liegt. Wahrscheinlich ist die Musikausübende Gesellschaft, die 1749 als erstes Liebhaberkonzertinstitut gegründet wurde, aus diesem ersten Verein hervorgegangen. Wir werden später noch davon zu sprechen haben.
II. Von der Mitte des 18. Jahrhunderts bis zur Gegenwart.
Oper.
Die Wurzeln, aus denen die höfische Musikkultur Friedrichs des Großen ihre Nahrung zog, sind nicht in Berlin zu suchen. Die Hofmusik seines Großvaters und das künstlerische Leben am Hofe der Großmutter hat er nicht mehr gekannt, und das Berlin seiner Kronprinzenzeit vermochte ihm musikalische Anregungen, wie er sie brauchte, nicht zu bieten. Ls blieb dem Zufall überlassen, hier einzu-