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Da aber bas preußisch-deutsche Bildungs- und Wissenschaftsleben zu schildern, nicht die vorliegende Aufgabe ist, so dürfen wir uns im Folgenden, obwohl wir eins Zeit durchschreiten, die an Fülle bildungsgeschichtlicher Begebenheiten vielleicht alle Vergangenheit übertrifft, verhältnismäßig kürzer fassen. —
Die gleiche idealistische Anschauung von der einer richtig geleiteten Geistesbildung innewohnenden Kraft, welche zur Gründung der Berliner Universität geführt hatte, nötigte zur selben Zeit auch zu Reformversuchen im Schulwesen. Sie trat in der Reform zutage, die man als die Humboldt-Süvernsche bezeichnet.
Zwei Haupttendenzen waren in ihr maßgebend: der sogenannte Neuhumanismus, dessen Wesen als vertiefte, nationalgewandte Nachahmung des Altertums und besonders der alten Griechen schon oben angedeutet wurde, und die Abkehr von der alleinigen Herrschaft des Verstandes, wie sie die Aufklärungsperiode proklamiert hatte. Dazu kam aber noch ein Drittes: das Bemühen der Regierungsgewalten, die Kräfte des Volkes, die sich in den Kämpfen um die Freiheit so herrlich offenbart hatten, aus Furcht vor Auswüchsen in staatliche Gbhut zu nehmen. So hatte die überall als Fessel empfundene Reaktion, die nach großartigem Aufschwung sich herabgesenkt hatte, das Gute, daß das Bildungs- und Schulwesen immer deutlicher als Staats gebiet erkannt wurde. Jetzt erst wurde im Preußischen Staate das gesamte Schulwesen in größerem Stile staatlich geregelt. Das hatte natürlich zur Folge, daß alle Besonderheiten einzelner Gebiete und Anstalten mehr und mehr verschwanden.
Neben Wilhelm von Humboldt, der eigentlich nur den Anstoß zu der Neugestaltung im Schulwesen gegeben, ist unter den führenden Nkännern in erster Linie Zoh. Wilhelm Süvern zu nennen?) Nicht als Märker geboren (er stammte aus Lemgo im Lippischen), hat er die märkische Eigenart in dem f787 gegründeten philologischpädagogischen Seminar zu Berlin unter Gedike in sich ausgenommen. Der preußische Neuhumanismus, wie er dort vertreten war, „unterschied sich von dem Zenas, Göttingens, Halles, Leipzigs durch die Legierung mit dem Geiste der Aufklärung, mit der Methode der Philanthropine und mit der Richtung der Bureaukratie auf zielbewußte Regierung der Gymnasien". Der Vertreter dieser Richtung war seinerzeit Gedike gewesen; jetzt erwachte sie zu neuer, ausgedehnterer Betätigung in Süvern, der i 80si als Staatsrat in die Unterrichtsabteilung des Ministeriums des Innern eintrat.
Süvern hat die große Schulreform in die Wege geleitet, und er konnte dies, weil er unter einem Minister arbeitete, der mit vollem Verständnis seinen reformatorischen Gedanken gegenüberstand: dem Freiherrn Karl v o n AI te nst ei n. Zn ihm begegnen wir wieder einmal einem Sprößling der brandenburgischen Enklave im Frankenlande. Er war in Ansbach geboren und hatte bei der dortigen Domänenkammer sich seine ersten Sporen in der Verwaltungskarriere erworben. Seit s8s7 stand er an der Spitze des neugegründeten Kultusministeriums.
Durch Humboldt waren über die Aufgaben der höheren und höchsten Bildungsanstalten gänzlich neue, und von da ab für alle weitere Zukunft maßgebende Grundsätze zur Geltung gelangt. Waren diese neuen Zdeale zuerst sichtbar geworden bei der Aus-
st vgl. lv. Dilthey in der Allg. Deutschen Biographie, Bd. 37, S. eosff.