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Autoemanzipation : Mahnruf an seine Stammesgenossen von einem russischen Juden / Leo Pinsker. Mit einem Vorw. v. M. T. Schnirer
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a priori entstehen und höchstens in einzelnen Fällen. zutreffen,

nicht aber an der ganzen Nation sich bewahrheiten.

So gehen Judentum und Judenhass seit Jahrhunderten un­zertrennlich vereint durch. die Geschichte. Wie das Volk der Juden, dieser ewige Ahasverus, So scheint auch der Judenhass nie sterben zu wollen. Man müsste mit Blindheit geschlagen sein, um zu behaupten, dass die Juden nicht das auserw ählte Volk des allgemeinen Hasses sind. Die Völker mögen in ihren gegen­seitigen Beziehungen, in ihren Instinkten und Bestrebungen noch so auseinandergehen in ihrem Widerwillen gegen die Juden reichen sie sich die Hände, in diesem einzigen Punkte sind sie alle miteinander einverstanden. In welchem Grade und unter weicher Gestalt sich diese Abneigung kundgibt, hängt freilich von der Kulturstufe jedes einzelnen Volkes ab, Im Wesen aber besteht sie überall und immer, gleichviel, ob sie sich kundgibt in Form von Gewalttätigkeiten, in neidischer Scheelsucht oder unter der Maske von Toleranz und Schutz.

Als Jude geplündert sein oder als Jude beschützt werden müssen, ist gleich beschämend, gleich peinlich für das mensch­liche Gefühl der Juden.

Ist nun die Judophobie eine dem Menschengeschlechte eigentümliche, hereditäre Dämonopathie und. der Judenhass auf einer vererbten Verirrung des menschlichen Geistes beruhend, so müssen wir die für uns ‚wichtige Folgerung ziehen, dass man auf die Bekämpfung dieser feindseligen Strebungen ebenso verzichten muss wie auf die Bekämpfung jeder andern erblichen Disposition. Diese Einsicht ist um so wichtiger, als es endlich angezeigt ist, von jeder Zeit und Kräfte raubenden Polemik als von einer unproduktiven Klopffechterei Abstand. zu nehmen. Denn mit dem Aberglauben kämpfen selbst Götter vergebens. Voreingenommenheit oder böser Instinkt vertragen sich mit keiner noch so scharfen und klaren Beweisführung. Man muss entweder die materielle Kraft haben, diese finstern Mächte, wie jede andere blinde Naturkraft, in Schranken zu halten oder ihnen einfach aus dem Wege gehen.

Im Seelenleben der Völker also finden wir die Begründung der Voreingenommenheit gegen die jüdische Nation. Aber auch noch andere, nicht weniger wichtige Momente, welche die Verschmelzung oder die Gleichstellung der jüdischen Nation mit den andern Nationen unmöglich machen, müssen in Betracht gezogen werden.

Im allgemeinen besitzt kein Volk eine Vorliebe für den Ausländer. Diese Tatsache hat ihre ethnologische Begründung und kann keinem Volke zum Vorwurf gemacht werden.