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Autoemanzipation : Mahnruf an seine Stammesgenossen von einem russischen Juden / Leo Pinsker. Mit einem Vorw. v. M. T. Schnirer
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Wohl kennen wir die grosse Leidensgeschichte unseres Volkes und wir sind wahrlich die letzten, die unsere Vor­fahren dafür verantwortlich machen wollten.

Die Sorge für die individuelle Selbsterhaltung musste jeden nationalen Gedanken, jede gemeinschaftliche Volksbewegung im Keime ersticken.

Wenn die nichtjüdischen Völker, dank unserer Zerstreuung, in jedem Einzelnen von uns das ganze jüdische Volk treffen wollten, so waren wir zwar als Volk resistent genug, um nicht zu unterliegen, aber auch nur zu ohnmächtig, um uns zu erheben und einen aktiven Kampf auf eigene Faust fortzuführen. Unter dem Drucke aller uns feindlichen Völker des Erdbodens sind wir im Laufe unseres langen Exils jedes Selbstvertrauens, jeder Initiative verlustig gegangen.

Zudem hat der Messiasglaube, der Glaube an die Ein­mischung einer höheren Macht zu Gunsten unserer politischen Auferstehung und die religiöse Annahme, dass wir eine über uns von Gott verhängte Strafe geduldig ertragen müssen, uns jeder Sorge um unsere nationale Befreiung, um unsere Einheit und Unabhängigkeit enthoben. Wir verliessen daher faktisch jeden Vaterlandsgedanken und taten dies umso williger, je mehr wir für unser materielles Fortkommen zu sorgen hatten. So sanken wir immer tiefer und tiefer. Die Vaterlandslosen wurden Vaterlandsvergessen. Ist es nicht endlich an der Zeit, ein­zusehen, wie schimpflich dies für uns ist?

Glücklicherweise stehen aber gegenwärtig die Dinge etwas anders. Die Ereignisse der letzten Jahre im gebildeten Deutsch­ land , in Rumänien , in Ungarn , besonders aber in Russland , haben das hervorgebracht, was die viel blutigeren Verfolgungen im Mittelalter nicht zu bewirken vermochten. Das Volksbewusstsein, welches damals nur im latenten Zustande eines sterilen Märtyrer­tums sich befunden, entlud sich unter unsern Augen in der Masse der ‚russischen und rumänischen Juden in der Form eines unwiderstehlichen Dranges nach Palästina. So verfehlt auch dieser Drang in seinen Resultaten sich erwiesen, so zeugt er doch für den richtigen Instinkt des Volkes, dem es klar ge­worden, dass es einer Heimat bedarf. Die harten Prüfungen, die es überstanden, haben jetzt eine Reaktion hervorgerufen, die etwas anderes, bedeutet als die fatalistische Erduldung ‚einer von. Gotteshand verhängten Strafe. Auch an der dunklen Masse der russischen Juden sind die Prinzipien der modernen Kultur nicht spurlos vorübergegangen. Ohne auf das Judentum und auf ihren Glauben zu, verzichten, ist sie aufs tiefste empört über eine unberechtigte Misshandlung, die nur darum ungestraft sich vollziehen konnte, weil eben die jüdische Bevölkerung für die