rationellen Volksärzte geschaffen. Wir folgen dem alten Schlendrian, indem wir immer nur zur Palliative der Wohltätigkeit greifen. Aber wir wollen es nicht verstehen, unser Siechtum an seiner Wurzel zu fassen, um es radikal zu heilen.
Intelligent und reich an Erfahrungen, sind wir kurzsichtig und leichtsinnig wie Kinder, haben wir keine Zeit gefunden, uns Zu sammeln und uns zu fragen, ob denn dieses{tolle Treiben oder besser dieses tolle Getriebensein nie ein Ende nehmen soll?
Im Leben der Völker wie im Leben des Einzelnen, gibt es wichtige Momente, ‚die nicht oft wiederkehren und die, benutzt oder unbenutzt, einen entscheidenden Einfluss auf die Zukunft, . auf das Wohl oder Wehe des Volkes wie des Einzelnen ausüben. Wir durchleben gegenwärtig einen solchen Moment. Das Bewusstsein des Volkes ist erwacht. Die grossen Ideen des 18. und 19. Jahrhunderts sind auch an: unserem Volke nicht spurlos vorübergegangen. Wir fühlen uns nicht allein als Juden; wir fühlen uns als Menschen. Als Menschen wollen wir auch leben und ‚eine Nation sein wie die andern. Und wenn wir das ernstlich wollen, dann müssen wir vor allem uns dem alten Joch entwinden und uns männlich aufrichten. Dann müssen wir vorerst uns selbst helfen wollen. Dann erst wird auch die fremde Hilfe nicht auf sich warten lassen.
Aber die Zeit, die wir gegenwärtig durchleben, ist nicht bloss aus Gründen unserer inneren Erfahrung, nicht bloss infolge unseres neuerwachten Selbstbewusstseins zu endlichem Handeln geeignet,
Die allgemeine Geschichte der Gegenwart scheint dazu berufen, unsere Verbündete zu werden. Im Laufe von einigen wenigen Dezennien. sahen wir Nationen sich zu neuem Leben aufrichten, die in einer früheren Zeit nicht gewagt hätten, an ein Wiederaufkommen zu denken. Schon dämmert es im Dunkel der traditionellen Staatsweisheit. Bereits neigen‘ die Regierungen allerdings erst dort, wo sie nicht anders können, ihr Ohr der immer lauter werdenden Stimme des nationalen Selbstbewusstseins. Freilich waren die Glücklichen, die ihre nationale Selbständigkeit erlangten, keine Juden. Sie standen auf eigenem Boden und redeten eine Sprache und darin waren sie allerdings vor uns im Vorteil.
Aber wenn unsere Lage auch eine schwierigere ist,‘ so. sind wir deshalb doch nur umsomehr verpflichtet, alle uns zu Gebote stehenden Kräfte aufzubieten, um unserem nationalen‘ Elende in rühmlicher Weise ein Ende zu machen. Opferbereit und entschlossen müssen wir ans Werk gehen und Gott wird uns helfen. Opferbereit waren wir immer und auch an Entschlossenheit fehlte es uns nicht, um unsere Fahne fest-, wenn auch nicht hochzuhalten. Aber im wogenden Ozean der Weltgeschichte segelten