86
lebenden und den Eingeborenen zur Last fallenden Juden eine sichere und unantastbare Zufluchtsstätte zu schaffen.
Natürlich kann es uns durchaus nicht um eine Gesamtauswanderung des Volkes zu tun sein. Die relativ geringe Anzahl der Juden im Okzident, welche einen unbedeutenden Prozentsatz der Bevölkerung ausmacht, und vielleicht aus diesem Grunde besser gestellt ist, ja bis zu einem gewissen Grade sich dort naturalisirt hat, mag auch fernerhin verweilen, wo sie sich befindet. Auch dort, wo die Juden nicht leicht tolerirt werden, mögen die Wohlhabenden verbleiben. Aber es gibt, wie wir bereits gesagt haben, einen gewissen Saturationspunkt, welchen die Juden nicht überschreiten dürfen, wenn sie. nicht den Gefahren der Judenverfolgung ausgesetzt sein wollen wie in Russland , Rumänien , Marokko u. s, w. Dieser Überschuss ist es, der, sich und den andern eine Last, das böse Fatum des ganzen Volkes heraufbeschwört. Für dieses Plus eine Zufluchtsstätte zu schaffen, ist jetzt höchste Zeit.
Mit der Gründung eines solchen. dauernden Asyls muss man. sich beschäftigen, nicht mit zwecklosen Sammlungen von Geldspenden für Pilger oder für Flüchtlinge, die in ihrer Bestürzung ein ‚ungastliches Heim verlassen, um in dem Abgrunde einer unbekannten Fremde unterzugehen.
Die ‚erste Aufgabe jenes von uns so sehr vermissten und unbedingt ins Leben zu rufenden Nationalinstitutes müsste darin bestehen, ein für unsere Zwecke passendes, möglichst einheitliches und zusammenhängendes Territorium ausfindig zu machen. In dieser Beziehung werden sich wohl am besten jene beiden in entgegengesetzten Weltgegenden liegenden Länder empfehlen, welche sich in der letzten Zeit den Rang streitig gemacht haben und zwei entgegengesetzte Strömungen für die Auswanderung der Juden schufen. Diese Spaltung war der Todeskeim für die ganze Bewegung.
Ohne Plan, Ziel und Einheit, wie die letzte Emigration gewesen, müsste man sie tatsächlich als gänzlich misslungen und im Sande verlaufen betrachten, wenn sie nicht zu lehrreich wäre für unser zukünftiges Tun und Lassen. Bei dem totalen Mangel an Voraussicht, verständiger Kalkulation und kluger Einigkeit war es unmöglich, in diesem Chaos von umherirrenden, hungernden Flüchtlingen eine irgendwie aussichtsvolle Bewegung nach ‚einem bestimmt vorgesteckten Ziele zu. erkennen. Das war keine Emigration, sondern eine verhängnisvolle Flucht. Für die armen Flüchtlinge waren die Jahre 1881—-82 ein mit Verwundeten und Leichen bedeckter Heerweg. Und selbst die Wenigen, welche so glücklich waren, das Ziel ihrer Wünsche, den ersehnten Hafen zu erreichen, fanden in diesem nichts besseres als auf dem gefahr