166 Kant und die jüdische Aufklärung
nicht geoffenbart, «um ihre Autonomie ewig zu stöh- ren». 257 Das «Wesen des Judentums» liegt, so Ascher, nicht in der Halacha der «orthodoxen Juden». Vielmehr wird das Wesentliche von Ascher in 14 Glaubensartikeln neu gefaßt. Darunter sind die Existenz Gottes, die Offenbarung der Tora an Israel am Sinai, und die Vergeltung von Gut und Böse. 258 Ascher überführt hier also unter dem Eindruck der drei Kritiken Mendelssohns allgemeine philosophische Vernunftwahrheiten und die partikularen jüdischen Geschichtswahrheiten Mendelssohns in Glaubensartikel eines konfessionalisierten Judentums. Kants Kritiken stehen sozusagen bei der Geburt des modernen Reformjudentums Pate, das sich im Namen der menschlichen Autonomie, der Denk- und Handlungsfreiheit von Juden 259 der Heteronomie der rabbinisch-orthodoxen Halacha nicht mehr beugt. Judesein wird Glaubenssache, Judentum eine Konfession, die der autonomen bürgerlichen Existenz von Juden nicht mehr hinderlich sein soll.
4. Nur Transzendentalphilosophie: Salomon Maimon
Bis zum Bruch mit der jüdischen Religion treibt die Auseinandersetzung mit Kant Salomon Maimon. Maimon hat zeitlebens auf seiner jüdischen Herkunft und Identität be- harrt, aber, das belegt seine Lebensgeschichte von 1792/93 ebenso wie sein Biograph Sabattia Wolff, 260 in Berlin das Judentum als Religion nicht mehr praktiziert. Zunächst ein Protege von Mendelssohn und Markus Herz, hat er die Anerkennung Kants 261 und seiner Zeitgenossen als Aufklärungsphilosoph jüdischer Herkunft gesucht und gefunden. Er hat sich, wenngleich als Außenseiter, auch an der Has- kala beteiligt: So war sein moderner Kommentar zum ersten Teil des More Nevuchim des Maimonides, der unter dem Titel Givat HaMore 1791 in Berlin gedruckt wurde, zur Verbreitung der mittelalterlichen jüdischen Aufklärung unter den Juden Osteuropas gedacht. Dieser hebräische