198 Die Erfindung der Orthodoxie
Für die beinahe zweitausend Jahre des Exils bestand unter Juden kein Bedarf an einer politischen Theologie, die die Verhältnisse von Staat und Religion regelt. Es gab keinen jüdischen Staat, und Juden waren nicht Bürger der Staaten, in denen sie lebten. Als unterdrückte Minderheit nahmen sie am politischen Leben nicht teil. Das religiöse Denken der Rabbinen hat sich aus diesem Grund nicht mit Fragen der Staatlichkeit und politischen Partizipation beschäftigt. Jüdische Religiosität konnte nicht durch den Staat, sie konnte nur in Grenzen staatlicher Duldung außerhalb staatlicher Institutionen verwirklicht werden. Die jüdische Religion hatte in der Politik keinen Platz.
Diese Situation hat sich mit der Aufklärung und dem Kampf für die bürgerliche Verbesserung der Juden in Europa geändert. Aufklärung und politische Gleichberechtigung der Juden sind der Anfang eines modernen theologisch-politischen Denkens im Judentum, das erstmals seit der Antike das Verhältnis und die Konflikte von jüdischer Religion und Staat reflektiert. Spinoza, Mendelssohn und Ascher sind die ersten modernen jüdischen Philosophen, die den politisch-theologischen Fragen nachgegangen sind, die dadurch aufgeworfen wurden, daß eine Beteiligung von Juden an der Politik des modernen Staats in Aussicht kam. Der Zionismus und der Staat Israel machten dann ein theologisch-politisches Denken dringender als je seit dem Churban, der Zerstörung des Tempels in Jerusalem. Heute ist in Israel die Frage allerdings nicht mehr die alte der Religionsfreiheit für die jüdische Religion in einem nichtjüdischen Staat, sondern die der Grenzen der jüdischen Religion und die der Religionsfreiheit von Nichtjuden in einem modernen, säkularen und demokratischen jüdischen Rechtsstaat.