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Ausländskorrespondent und Arzt in Paris
den Briefe der »Amerikanerin« an ihren Sohn abfängt. Gefühlskomödie heißt dieser Roman, weil die »Amerikanerin« Liebes-Ge- fühle proklamiert, aber in erster Linie einen neuen Ehemann sucht. Der Zoologieprofessor bemerkt dies durchaus, will nicht heiraten, bricht aber dennoch die Beziehung nicht ab. Er ist geschmeichelt und proklamiert seinerseits, solche Gefühle zu erwidern. Die Beziehung schleppt sich monatelang bis zu einem kläglichen Ende fort.
Nun wäre es falsch, von der literarischen Fiktion auf das wahre Verhältnis Nordaus zu Sarah Hutzier zurückzuschließen. Die Beziehung zu Sarah Hutzier scheitert, aber wir kennen weder das Datum noch die genauen Gründe des Scheitems nach der anfänglichen Euphorie des Briefwechsels und der intimen Begegnungen auf Reisen, denen wochenlanges, gespanntes Warten vorausgeht, in denen beide nicht wissen, ob und wie die Liebesbeziehung zwischen Berlin und Paris fortgesetzt werden kann: »(...) Ich liebe Dich, mein blaues Wunder (...). Wie soll ich Dich trösten, mein einziges Lieb ? Mein Trost ist ein melancholischer: Dieses Leid geht auch vorüber. Vierzehn Tage, drei Wochen banger Beklemmung und bitterer Qual vor dem Einschlafen, dann ists verwunden. Das ist der Trost, den ich als Arzt gebe, wenn ich zu einem beginnenden Typhus gerufen werde: Drei Wochen Geduld! Die sind ja so rasch vorüber! Dann ist der Kranke todt oder gesund (...).« 28
Ein anderes, nicht datiertes Brieffragment 29 , das entsprechend der enthaltenen Altersangabe Sarah Hutzlers »29 Jahre« aus dem Jahr 1882 oder 1883 stammen muß, erlaubt einen Einblick in die Gefühlswelt Nordaus, aber deutet auch verschiedene Komplikationen an, die Gründe für das Scheitern der Liebesbeziehung gewesen sein können:
»(...) Den Gedanken aber könnte ich nicht ertragen, daß Du von denen nicht geachtet wirst, die ich neben Dir am meisten auf Erden liebe.
28 Brief v. Max Nordau an Sarah Hutzier nach Berlin, geschrieben in Paris am 10. Februar 1882, vor einer geplanten Berlin-Reise. Zitiert nach dem Ausstellungskatalog Nr. 647 des Auktionshauses J. A. Stargardt (Marburg) zur Auktion am 27. und 28. Juni 1990 in Marburg, S. 443.
29 Das durch Nordaus Handschrift eindeutig zu identifizierende Brieffragment, ein Geschenk meiner Kollegen zur Habilitation, befindet sich in meinem Privatbesitz; Ch. Sch.