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Psychopathologie des Fin de siècle : der Kulturkritiker, Arzt und Zionist Max Nordau / Christoph Schulte
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Ausländskorrespondent und Arzt in Paris

den Briefe der »Amerikanerin« an ihren Sohn abfängt. Gefühls­komödie heißt dieser Roman, weil die »Amerikanerin« Liebes-Ge- fühle proklamiert, aber in erster Linie einen neuen Ehemann sucht. Der Zoologieprofessor bemerkt dies durchaus, will nicht heiraten, bricht aber dennoch die Beziehung nicht ab. Er ist geschmeichelt und proklamiert seinerseits, solche Gefühle zu erwidern. Die Bezie­hung schleppt sich monatelang bis zu einem kläglichen Ende fort.

Nun wäre es falsch, von der literarischen Fiktion auf das wahre Verhältnis Nordaus zu Sarah Hutzier zurückzuschließen. Die Be­ziehung zu Sarah Hutzier scheitert, aber wir kennen weder das Da­tum noch die genauen Gründe des Scheitems nach der anfänglichen Euphorie des Briefwechsels und der intimen Begegnungen auf Rei­sen, denen wochenlanges, gespanntes Warten vorausgeht, in denen beide nicht wissen, ob und wie die Liebesbeziehung zwischen Berlin und Paris fortgesetzt werden kann: »(...) Ich liebe Dich, mein blaues Wunder (...). Wie soll ich Dich trösten, mein einziges Lieb ? Mein Trost ist ein melancholischer: Dieses Leid geht auch vor­über. Vierzehn Tage, drei Wochen banger Beklemmung und bitte­rer Qual vor dem Einschlafen, dann ists verwunden. Das ist der Trost, den ich als Arzt gebe, wenn ich zu einem beginnenden Ty­phus gerufen werde: Drei Wochen Geduld! Die sind ja so rasch vorüber! Dann ist der Kranke todt oder gesund (...).« 28

Ein anderes, nicht datiertes Brieffragment 29 , das entsprechend der enthaltenen Altersangabe Sarah Hutzlers »29 Jahre« aus dem Jahr 1882 oder 1883 stammen muß, erlaubt einen Einblick in die Gefühlswelt Nordaus, aber deutet auch verschiedene Komplikatio­nen an, die Gründe für das Scheitern der Liebesbeziehung gewesen sein können:

»(...) Den Gedanken aber könnte ich nicht ertragen, daß Du von denen nicht geachtet wirst, die ich neben Dir am meisten auf Erden liebe.

28 Brief v. Max Nordau an Sarah Hutzier nach Berlin, geschrieben in Paris am 10. Februar 1882, vor einer geplanten Berlin-Reise. Zitiert nach dem Ausstel­lungskatalog Nr. 647 des Auktionshauses J. A. Stargardt (Marburg) zur Auktion am 27. und 28. Juni 1990 in Marburg, S. 443.

29 Das durch Nordaus Handschrift eindeutig zu identifizierende Brieffrag­ment, ein Geschenk meiner Kollegen zur Habilitation, befindet sich in meinem Privatbesitz; Ch. Sch.