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Die Anschauungen Friedrichs des Grossen vom Festungskriege vor Ausbruch des Siebenjährigen Krieges : Zum Friedrichstage ; nach Vorarbeiten der kriegsgeschichtlichen Abtheilung II und Akten des Kriegs-Archivs / bearb. von [Max] v. Duvernoy
Entstehung
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leutnant Grafen Findenstein gab, als er ihn als Oberhofmeister und Gouver neur des siebenjährigen Kronprinzen Friedrich einsetzte, ist bezüglich der Be­stimmungen für dessen Unterricht u. A. gesagt: Bei zunehmenden Jahren sollen dann ganz besonders auch die Fortification, die Formirung eines Lagers und andere Kriegswissenschaften" vorgenommen werden.*) Der Fürst Leopold von Dessau , der Oberst Camas und insbesondere der Ingenieurmajor Senning waren seine Lehrer in der Befestigungskunst. Ebenso wie Friedrich aber der ganzen schematischen Kriegsführung seiner Zeit abgeneigt war und den Erfolg in erster Linie durch die schnelle Entscheidung der Schlacht suchte, so sah er auch den Festungskrieg als ein nothwendiges Uebel an, mit dem wohl in bestimmten Fällen zu rechnen war, aber er vermochte ihm nicht die Hauptrolle zuzuweisen, die er in den Augen der Zeitgenossen von Alters her noch spielte.

Wir wissen, daß der König, im grundsätzlichen Gegensatz zu den An­schauungen seiner Zeit, Willens war, seine Kriege stets strategisch offensiv zu führen und so ten Schauplatz des Kampfes von Anfang an möglichst auf feindliches Gebiet zu verlegen. Aber selbst wenn der Gegner in seine Lande einfiel, so hätte sich das damalige Preußen mit seinem zersplitterten Besitz recht wenig für eine Vertheidigung geeignet, die sich auf eine ausgedehnte Landesbefestigung basirte. Sie war nur denkbar in einem zusammenhängenden Staate mit festumzogenen Grenzen. Breußen mußte für solche Fälle auf die überlegene Operations­fähigkeit seines Heeres rechnen. Abgesehen von Schlesien , auf dessen Be­festigung Friedrich, wie wir sehen werden, viel verwendete, da hier stets zunächst ein feindlicher Einfall zu befürchten war, und von der allmählichen Vollendung des schon von seinen Vorgängern begonnenen Ausbaues von Magdeburg , das er als die letzte Resource des Staates" im Falle feind­licher Invasion bezeichnet, geschah daher für die Festungen der alten Landes­theile vor dem Siebenjährigen Kriege nur das Allernothwendigste.

Aber auch für die Belagerung feindlicher Festungen zeigt sich der König nicht sonderlich geneigt. Aus der ganzen Fassung des dem Festungsfrieg ge­widmeten Abschnittes in den General- Prinzipien geht die Lehre hervor, die er aus dem Verlaufe seiner beiden ersten Kriege in dieser Hinsicht gezogen hatte. Sie gipfelte in der Erkenntniß, daß eine siegreiche Schlacht, bei der die glänzenden Eigenschaften seiner Truppen sich voll entfalten fonnten, stets viel mehr zur Entscheidung des Krieges beitragen werde als die Eroberung einer feindlichen Festung. Er will deshalb nur dann Festungen angreifen, wenn dies durchaus nothwendig ist. Der langsame Gang einer förmlichen Be­lagerung ist ihm unsympathisch, weil er die Entscheidung hinzieht und weil sein oberster Grundsatz lautet, daß die Kriege, die Preußen führe kurtz und vives seyn müssen, massen es uns nicht conveniret, die Sachen in die Länge zu ziehen".

*) Preuß, Lebensgeschichte des großen Königs Friedrich von Preußen , Bd. I.