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Die Anschauungen Friedrichs des Grossen vom Festungskriege vor Ausbruch des Siebenjährigen Krieges : Zum Friedrichstage ; nach Vorarbeiten der kriegsgeschichtlichen Abtheilung II und Akten des Kriegs-Archivs / bearb. von [Max] v. Duvernoy
Entstehung
Seite
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ſeinen logements*) zu arbeiten, auf beyde Flauquen zu fallen.... Dass ſelbige Manoeuvre fan{jo offte wiederholet werden, als es einem Comman­danten nur gefällig iſt und es iſt allemahl dem Feind ſehr meurtrier, wann es wohl executiret wird. Wenn ſodann der Grabenniedergang nach dem Ravelin fertig iſt, ſo ſoll deſſen Beſatzung zurückgezogen, das Werk ſelbſt aber vom Hauptwall und rückwärtigen Abſchnitt aus heftig beſchoſſen, auch falls die Stärke der Beſatzung dies erlaubt, ein Ausfall von beiden Seiten her unternommen werden, um den Feind wieder aus dem Ravelin heraus zuwerfen. Der Kommandant ſoll ſich aber nichtzu ſehr opiniatriren, das Vordertheil des Ravelins zu behaupten.

Hat der Angreifer das Ravelin dauernd in Beſitz genommen und beginnt er den Niedergang nach dem Hauptgraben zu bauen, ſo ſoll der Kommandant, wenn die Gallerie des Gegners beinahe fertig iſt, ſeine ganze Garniſon in den inneren Abſchnitt zurückziehen, damit er die Erſtürmnng des Hauptwalls von dort noch durchein praeparirtes Feuer beſchießen kann. Wenn dann der erſte Sturm abgeſchlagen iſt, ſo hat er ſich durch die bisherige hartnäckige Vertheidigung eine ehrenvolle Kapitulation erzwungen und ſoll nun, wenn jede Hoffnung auf Entjatz ausgeſchloſſen iſt, die Unterhandlungen beginnen. Andernfalls iſt die Breſche mit allen Mitteln weiter zu vertheidigen.

Den Angriff auf Feſtungen hat der König, wie wir ſahen, als etwas Handwerksmäßiges hingeſtellt. Die Erfahrungen der beiden erſten Kriege waren darin nicht bedeutend genug geweſen, um ihn zu einem abgeſchloſſenen Urtheil kommen zu laſſen. Bei der Vertheidigung tritt er dagegen im Hinblick auf ſeine Neuſchöpfungen im Feſtungsbau und in der Erinnerung an fehlerhafte Vertheidigungen aus ſeiner Kriegserfahrung offenbar bewußter mit Neuerungen gegenüber dem allgemein Ueblichen hervor. Er verwirft die ohne triſtigen Grund unternommenen großen Ausfälle, verlangt dagegen eine fort­geſetzte Störung und Beunruhigung des Angreifers, ſodann aber betont er viel ſtärker als die zeitgenöſſiſche Schule die nachhaltigſte abſchnittweiſe Vertheidigung und das zähe Standhalten bis zum letzten Stadium.

Feſtungsmanöver.

Ueber eine am 20. Juni 1751 bei Weſel ſtattgehabte Uebung iſt uns ein kurzer Bericht erhalten geblieben. Die Feſtung war nach Vaubans erſter Manier erbaut. Faſt im Süden der Stadt, hart am Einfluß der Lippe in den Rhein, lag die Citadelle, die mit ihrem Glacis als Esplanade in die Stadt hineingriff. Sie beſtand aus einem regelmäßigen baſtionirten Fünfeck mit zahlreichen Außenwerken, namentlich im Oſten. Außerdem war noch eine zuſammenhängende Enveloppe mit gedecktem Weg vorhanden. Die Gräben

*) Hiermit iſt das Couronnement des Glacis gemeint.