Druckschrift 
Die Anschauungen Friedrichs des Grossen vom Festungskriege vor Ausbruch des Siebenjährigen Krieges : Zum Friedrichstage ; nach Vorarbeiten der kriegsgeschichtlichen Abtheilung II und Akten des Kriegs-Archivs / bearb. von [Max] v. Duvernoy
Entstehung
Seite
57
Einzelbild herunterladen

Er ſieht im förmlichen Angriff der Feſtungen ein überliefertes Ver­fahren, das er nicht umzugeſtalten, nicht zu der Energie zu erheben vermag, für die ſeine Grundſätze in der Kriegführung bahnbrechend geweſen ſind. Die Kunſt, Städte zu belagern, iſt zu einem Handwerk geworden, ſo wie das Tiſchler⸗ oder das Uhrmacher-Handwerk; Man hat gewiße untrügliche Regeln darin etabliret und eine routine, welche allezeit denſelben train folget, und

wo man jederzeit dieſelbe theorie auf dieſelben Fälle appliciret* fig leitet Friedrich den Abſchnitt überdie Attaque der Feſtungen ein. Nachdem er alsdann die Maßregeln des Angreifers karz aufgezählt hat, fährt er fort: Alle dieſe Sachen ſeynd einem exacten calculo unterworffen, ſo daß man

m El im Stande iſt, auch abweſend auszurechnen, welchen Tag ohngefähr die Feſtung ſich übergeben wird, daferne ſonſten nicht extraordinaire Umſtände einige Hinderung dazwiſchen machen, oder daß ein commandant von distinguirter mérite die Belagerer durch die opiniatreté feiner chicanes länger als ſonſt gewöhnlich aufhält.

Die Abneigung des Königs gegen langwierige Belagerungen, im Gegen­ſatz zu der herrſchenden Anſchauung ſeiner Zeit, in der man häufig eine ſolche als Hauptzweck für einen ganzen Feldzug anſah, iſt nach ſeinem Standpunkt in Bezug auf die Kriegführung um ſo leichter begreiflich, wenn man bedenkt, welche zeitraubenden Vorbereitungen ein ſolches Unternehmen im 18. Jahr­hundert, ſchon infolge der ſchlechten Verkehrsmittel für die Heranſchaffang des Belagerungs materials, erheiſchte. Dazu dauerten die Belagerungen ſelbſt meiſt ſehr lange. Denn die Feſtungen waren nicht ſo ausgedehnt wie heute und darum die Beſatzungen kleiner und die Vorräthe länger ausreichend. Durch einfaches Enſchließen oder Aushungern war daher meiſt auch kein Zeitgewinn zu er­zielen. Eine Beſchießung allein führte aber bei der geringen Wirkung der damaligen Geſchütze ſelten zur Kapitulation, und ein Sturm koſtete immer große Opfer. Eniſchloß ſich jedoch einmal ein Feſtungs -Kommandant zu früh­zeitiger Uebergabe, ſo ſtanden ihm nach damaligem Kriegsgebrauch auh be­ſonders ehrenvolle Bedingungen zu; das bedeutete in der Regel freien Abzug der Beſatzung. Für die ſchnelle Eniſcheidung des Krieges war alsdann ſo gut wie nichts gewonnen.

Aber trotzdem beſchäftigte ſich König Friedrich eingehend mit dem Feſtungskrieg und insbeſondere mit dem Feſtungsbau, und wir erkennen in ihm auch auf dieſem Gebiete gar bald den Meiſter in der Kriegs­kunſt. Auf die Ausbildung ſeiner Offiziere in der Befeſtigungskunſt, die damals trotz der hohen Wichtigkeit, die man ihr beimaß, durchaus nicht ein allgemeiner Lehrgegenſtand in den Armeen war, legte er großen Werth.*) Nachdem er den 1743 im Preußiſchen Dienſt angeſtellten, ehemals Franzöſiſchen, Ingenieurkapitän Lefsbore veranlaßt hatte, eine Deutſche Ausgabe ſeines

*) Vergl. Kriegsgeſch. Einzelſchriſten, Heft 28 bis 30, S. 397. 1*