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Die Angriffspläne Friedrichs des Großen in den beiden ersten Schlesischen Kriegen : Vortrag gehalten in der Militärischen Gesellschaft zu Berlin am 24. Januar 1890 / von A. v. Roeßler
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Der erſte Plan des Königs datirt vom 4. Juli 1741; es hatten jedoch ſchon Vorbeſprechungen über denſelben in der Zeit vom 22. April bis 2. Mai ſtattgefunden, in welchen Tagen der Marſchall Belle⸗Isle in Breslau und im Lager von Mollwitz bei dem König weilte, um demſelben im Auftrage der Franzöſiſchen Regierung ein Bündniß gegen Oeſterreich anzubieten.

Die Sachlage war kurz folgende: Der König hatte Schleſien erobert, bei Mollwitz geſiegt und lagerte mit feinen Hauptkräften daſelbſt der Oeſterreichiſchen Armee gegenüber, die ſich in eine unangreifbare Stellung bei Neiße zurück­gezogen hatte. Politiſch bemühte ſich die geſchäftige Diplomatie, ein Angriffs­bündniß zwiſchen Oeſterreich , Rußland , England, Hannover und Sachſen gegen Preußen zu Stande zu bringen, ſo daß der König bereits ſeit drei Wochen den Aufmarſch ſeiner Elbarmee zwiſchen Magdeburg und Potsdam befohlen hatte.

In dieſen Zuſammenkünften zwiſchen Friedrich und Belle⸗Isle verſprach der Marſchall dem König, daß in 2, bis 3 Monaten nach Unterzeichnung eines Preußiſch⸗Franzöſiſchen Bündniſſes die Franzöſiſche Armee den Rhein überſchreiten und im Verein mit den Bayern die Oeſterreicher angreifen werde. Ob ſchon bei dieſen Vorbeſprechungen in Mollwitz der zuſammenwirkende Angriff auf Oeſterreich durch Mähren und längs der Donau zur Sprache kam, ſteht urkundlich nicht feſt, iſt jedoch ſehr wahrſcheinlich, denn einmal kann man vorausſetzen, daß die beiden Feldherren in den zehn Tagen ihres Zuſammen­lebens ihre Gedanken ausgetauſcht haben, dann aber deuten zwei Brieſſtellen mit ziemlicher Sicherheit darauf hin.

Der König ſchloß nämlich, als er vier Wochen ſpäter den Vertrag unter­zeichnete, die Mittheilung an Belle⸗Isle mit den Worten:Adieu, lieber Freund, ich brenne vor Ungeduld, Sie ſiegreich vor den Thoren Wiens zu ſehen und Sie an der Spitze Ihrer Truppen zu umarmen, und der Marſchall ſchreibt am 14. Auguſt, als bereits bei der Franzöſiſchen Heeresleitung das verhängnißvolle Schwanken zwiſchen dem hohen Flug Fridericianiſcher Strategie und der methodiſchen Kriegführung damaliger Zeit eingetreten war:Wenn unſere Operationen zwei oder drei Monate früher hätten beginnen können, ſo hätten wir ohne Schwierigkeit den Krieg längs der Donau nach Oeſterreich tragen können, alles, was ſich uns entgegenſtellte, ſchlagen und zu Boden werfen und dann Wien belagern, wohin auch Ew. Majeſtät, nachdem Sie Neipperg geſchlagen und durch Mähren vor ſich hergejagt haben, Selbſt mit Ihrer Armee gekommen wären.

Doch dies waren nur Vorbeſprechungen. Die Ratifikation des Franzö­ ſiſchen Bündniſſes erfolgte aus Gründen, deren Erörterung mich heute zu weit führen würde, erſt am 4. Juli, und dieſes Datum trägt der erſte niederge­ſchriebene Angriffsplan des Königs, den er an die Franzöſiſche Regierung zu Verſailles ſandte.*)

) Pol. Corr. J. 417. An Kardinal Fleury hatte der König ſchon am 30. Juni in ähnlichem Sinne geſchrieben. Pol. Corr. L. 415.