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Ueber die Haltung Rußlands wußte der König nunmehr mit Beſtimmtheit, daß es der gegen ihn gerichteten Koalition nicht beitreten würde. Er rechnet daher mit zwei Operationsobjelten, einer Engliſchen Armee in Hannover , mit der ſich unter Umſtänden die Sachſen vereinigen konnten, und der Oeſterreichiſchen Armee unter Neipperg. Der König will mit fünf Armeen angreifen. Drei Armeen ſollen gegen die Engländer vorrücken und zwar die Preußiſche Elbarmee von Magdeburg her, eine Wittelsbachiſche, aus Reichskontingenten gebildete von Düſſeldorf aus und die Franzöſiſch⸗Bayeriſche, welche durch Bayern , Böhmen und Sachſen marſchiren fol. Dies genüge, um die Engländer und ihre Verbündeten niederzuwerfen, wie der König ſich ſehr draſtiſch ausdrückt,„bei den erſten Flötentönen“. Die IV. und V. Armee, die Preußiſche Hauptarmee und die Bayern , ſollen gegen die Oeſterreicher in Thätigkeit treten und zwar die Bayern längs der Donau . Alsdann habe Neipperg nur die Wahl zwiſchen drei Möglichkeiten. Entweder er detachirt nach der Donau , dann hat der König die Abſicht, ihn anzugreifen und zu ſchlagen, oder er wird gegen das Preußiſche Hauptheer offenſiv, dann will der König ihm entgegentreten, und die Bayern können alsdann ohne Hinderniß bis Wien vorrücken, oder aber Neipperg marſchirt mit feiner ganzen Armee nach der Donau , um ſeine Penaten zu ſchützen, dann will der König Neiße und Glatz nehmen, wozu er vier Wochen rechnet.
Ueber ſeine weiteren Abſichten in dieſem letzten Falle ſpricht ſich der König nicht aus.“ Im Beſitz der beiden Feſtungen war er in der Lage, ſowohl auf der mittleren Kaiſerſtraße über Königgrätz , als auch auf der öſtlichen über Olmütz nach der Donau zu marſchiren. Als ſpäter Neipperg, allerdings nicht infolge der Bayeriſchen Offenſive, Schleſien räumte, beſetzte der König Mähren und eroberte Olmütz .
Dieſer Entwurf des Königs vom 4. Juli beſtimmte den Feldzugsplan der Franzoſen , welchen ich hier, des Zuſammenhanges wegen, kurz erwähnen muß. Es wurden zwei Franzöſiſche Armeen aufgeſtellt; die eine, 40 000 Mann ſtark, hatte die Aufgabe, ſich mit den Reichstruppen bei Düſſeldorf zu vereinigen und gegen Hannover , die andere in gleicher Stärke nach Bayern zu marſchiren.„Um jedoch den Wünſchen Ew. Majeſtclt nachzukommen“, ſchreibt Belle⸗Isle bei der Mittheilung dieſes Planes an den König,„iſt es abſolut nothwendig, daß der Kurfürſt von Bayern , ohne die Ankunft unſerer Truppen abzuwarten, die Feindſeligkeiten beginnt, Paſſau erobert und in OberOeſterreich eindringt.“ Dann ſollen dort Magazine angelegt werden,„und“, fo fährt der Marſchall fort,„wenn die Expedition nach Ober-QOeſterreich im Laufe des September beendet iſt, muß man ſich dort defenſiv verhalten und mit allen Kräften nach Böhmen marſchiren, um ſich zum Herrn von Prag zu machen“.
*) In einer ſpäteren Arbeit aus dem Jahre 1775,„Betrachtungen über die Feldzugspläne“, ſagt Friedrich ausdrücklich„Der König von Preußen würde ſich wahrſcheinlich eiligſt der Donau genähert haben.“ Mil. Klaſſ. S. 343.