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baren Oeſterreichiſchen Streitkräfte kann man, wenn man das Mittel aus den ſehr abweichenden Stärkeangaben zieht, auf 80 000 Mann regulärer und 30 000 Mann leichter Truppen veranſchlagen, die Sachſen zählten 30 000 Mann, von denen 10 000 im Lande geblieben waren, der Großtheil aber in Böhmen ſtand.
Prinz Karl von Lothringen war alſo in der Lage, ſeine leichten Truppen gegen die langgeſtreckte Schleſiſche Grenze vorzuwerfen und hinter dieſem Schleier mit 100 000 Mann an der Stelle aufzumarſchiren, von welcher aus er den vernichtenden Schlag zu führen gedachte. Da die Deſterreicher bei Bunzlau , Königgrätz und Olmütz Hauptmagazine angelegt hatten, ſo konnte ihr Vormarſch entweder von erſterem Orte durch die Lauſitz auf Croſſen oder von Königgrätz über Striegau auf Breslau , oder von Olmütz über Neiße oder Jägerndorf nach Oberſchleſien erfolgen.
Mit Rückſicht auf die im Kurfürſtenthum Sachſen zurückgebliebenen Regimenter mußte der Aufmarſch des Preußiſchen Heeres ſich allerdings wieder in zwei Gruppen, wie im Jahre 1741, vollziehen, aber der gegen Sachſen beſtimmte Heerestheil konnte ſehr ſchwach gehalten werden. Der König beflimmte hierzu nur 13 Bataillone, 30 Schwadronen, doch zeigte ſchon der Aufmarſchort Halle die offenſive Tendenz dieſes Korps.
Die Hauptarmee ſtand wieder in Schleſien , doch machte ſich hier bald ein großer Nachtheil geltend, der der Preußiſchen Armee aus dem Mangel an leichten Truppen erwuchs. Von den verfügbaren 90000 Mann mußten 30 000 zur Deckung der Grenze, Beſetzung der feſten Städte und anderen nothwendigen Detachirungen verwendet werden, fo daß nur 60000 Mann zu den Operationen im freien Felde disponibel waren. Als Aufmarſchort hatte Friedrich für dieſe die Gegend um Frankenſtein beſtimmt. Von hier aber hatte die Armee bis Görlitz elf, bis Striegau vier, bis Jägerndorf ſechs Märſche, war alſo immer in der Lage, ſich dem Gegner vorzulegen oder richtiger in ſeine Marſchlinien hinein zu ſtoßen, vorausgeſetzt, daß man über die Vormarſchlinie des Feindes rechtzeitig Nachricht erhielt.
Der König hatte nach einem arbeits⸗ und ſorgenreichen Winter am 15. März ſeine Reiſe zur Armee angetreten, begleitet von den Segenswünſchen des Volkes. Man konnte ſich den Ernſt der Lage nicht verhehlen. Der Feldzug des vergangenen Jahres war, trotz aller Genialität in der Anlage, ein unglücklicher geweſen. Nicht, daß man eine Schlacht verloren hätte, ſondern Verpflegungsſchwierigkeiten, der Abfall des einen, die Unthätigkeit des andern Bundesgenoſſen hatten den verluſtreichen Rückzug von der Moldau nach der oberen Elbe, von da über das Gebirge nach Schleſien bewirkt. Oeſterreichiſche Berichte erzählten, wohl übertreibend, von 30000 Ueberläufern, die ſich bei ihren Vorpoſten gemeldet, der Abgang an Kranken wird als nicht weniger groß angegeben; die Zahl der in Böhmen verlorenen Geſchütze iſt nicht bekannt, war aber ſehr beträchtlich, der ganze Train und die mit vielen Koſten