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Die Angriffspläne Friedrichs des Großen in den beiden ersten Schlesischen Kriegen : Vortrag gehalten in der Militärischen Gesellschaft zu Berlin am 24. Januar 1890 / von A. v. Roeßler
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organiſirten Kolonnen waren dem Feinde in die Hände gefallen. Unter den Letzteren hatten beſonders die mit Ochſen beſpannten Proviantkolonnen die Bewunderung der Zeitgenoſſen erregt, eine Schöpfung, die Napoleon 1812 für feinen Zug nach Rußland nachahmte, die aber dort ebenſo wie 1744 in Böhmen verſagte. Aber auch moraliſch hatte die Armee gelitten. D Nimbus der Unbeſiegbarkeit war geſchwunden, ſeit ein Preußiſches Infanterie Regiment vor Oeſterreichiſchen leichten Truppen hatte die Waffen ſtrecken müſſen. Es machte doch einen tiefen Eindruck, als man in den Zeitungen von jener Heerſchau in Böhmen las, bei der Trenks Panduren in Preußiſchen Grenadier­mützen mit den erbeuteten zehn Fahnen des unglücklichen Regiments v. Kreitzen vorbei defilirt waren. Aber noch mehr. Das Offtzierkorps ſelbſt ſchien nicht mehr ganz intakt. Ein höherer Preußiſcher Offizier war der Unterſchleife beſchuldigt; das war unerhört, aber leider wahr. Selbſt in der nächſten Umgebung des Königs mußten ſich Verräther befinden, der Chiffreſchlüſſel für die Korreſpondenz mit England, die Kriegskaſſen-Etats der Armee waren an fremde Kabinette verkauft worden. Unter dieſen mißlichen Verhältniſſen hatte auch die Disziplin gelitten. Der Miniſter v. Münchow ſchrieb damals, wohl mit zu düſteren Farben malend:Wir haben keine Armee mehr, was wir haben, iſt nichts als ein Haufe Menſchen, noch bei einander gehalten durch die Gewohnheit und die Autorität der Offiziere; aber dieſe Offiziere ſelbſt find alle mißvergnügt, viele von ihnen in verzweifelter Lage. Es bedarf nur der geringſten Schlappe, um es zu einer Meuterei unter den Soldaten zu bringen, wie wir ſie bei der Disziplin unſerer Armee für nicht mehr denkbar gehalten haben. Das konnte auch die Muthigſten und Unverzagteſten kleinmüthig und ſchwach machen.

In dieſer allgemeinen Hoffnungsloſigleit war es allein der König, der nicht verzagte und der zur Beſſerung der Schäden die Hebel an der richtigen Stelle anzuſetzen verſtand. Wohl arbeitete, um die entſtandenen Verluſte an Menſchen, Waffen und Armeematerial zu erſetzen, der Verwaltungsapparat der Preußiſchen Staatsmaſchine in jenen Wintermonaten mit gewohnter Genauigkeit und Schnelligkeit, aber doch nur, weil aus dem Kabinet des Königs die Maſchine in Betrieb geſetzt und unterhalten wurde. Die Finanz­lage war die denkbar ungünſtigſte. Seit Dezember 1744 waren 2 Millionen Thaler über den Etat verbraucht. Der Voranſchlag für den April und die nächſten vier Feldzugsmonate belief ſich auf 3 Millionen Thaler, von denen nur 1'/2 gedeckt waren. Der Preußiſche Staat hatte alſo nicht nur keinen Kriegsſchatz mehr, ſondern noch 4 Millionen Thaler Schulden, eine für jene Zeit faſt unerſchwingliche Summe. In ſtiller Nacht mußte damals der Kämmerer Fredersdorff das Silberzeug der Königlichen Familie und den ſilbernen Chor aus dem Schloß nach der Münze bringen.

Was damals geſchaffen wurde, liefert ein glänzendes Zeugniß von dem Organiſationstalent des Königs. Bald war die Armee in ihren Etats zahlen

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