Teil eines Werkes 
1 (1912) Sagen
Entstehung
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Der König besuchte ihn öfter, sah in gewohnter Weise dem ge­schickten Arbeiter zu und freute sich über die nahe Vollendung des bestellten Kunstwerkes. Eines Tages nun, als der König sich eben auch in der Werkstätte befand, bemerkte er an den Fenstern des gegenüberliegenden Hauses zwei weibliche Per­sonen, die dem fleißigen Goldschmied, der dicht an seinem Fenster arbeitete, sobald er nur aufsah, greuliche Gebärden machten und widerliche Gesichter dazu schnitten. Der König verwunderte sich über eine so sonderbare Nachbarschaft und erkundigte sich nach denGrimassiers" gegenüber. Er erfuhr, daß es die Frau und die Tochter eines reichen Goldarbeiters wären, die aus Neid und Ärger über die Gnade, welche der Monarch ihrem armen Kunstgenossen zuteil werden ließ, auf eine so wunderliche Weise ihre Wut zu erkennen gäben.

3. Der Goldschmied erzählte auch, wie er einstmals nicht habe unterlassen können, unter den Arabesken einer Braten­schüssel eine der Fratzen dieser bösen Weiber zu verewigen, die ihn gar oft in seiner Arbeit gestört hätten. Der König beschloß bei sich, den kleinlichen Brotneid des reichen Goldarbeiters ebenso zu bestrafen, wie er den Fleiß seines armen Günstlings belohnt hatte. Nachdem die bestellte Arbeit vollendet war, befahl der gütige Herrscher seinem Schützling, die alte Wohnung zu räumen, indem er ihm eine andere, einstweilen gemietete, anweisen ließ. Auf des Königs Kosten wurde hierauf das alte, baufällige Haus niedergerissen und dafür das jetzt noch stehende errichtet, an dem sich zwischen der zweiten und dritten Etage, gerade in der Mitte der Front, in einer Nische ein weiblicher Kopf befindet, dessen Gesicht gar scheußlich verzerrt ist. Dieses Zerrbild, das ein Spiegel für die neidischen Weiber des reichen Goldarbeiters sein sollte, wird noch jetzt der Neidkopf genannt.

Oskar Schwebe! (Die Sagen der Hohenzollern).

4. Die verstummten Löwen.

Am Turme der Parochialkirche in der Klosterstraße, hoch oben bei dem Glockenspiel, befinden sich vier Löwen. Die sollen früher zu jeder vollen Stunde, wenn dieSinguhr" erklang, ein lautes Brüllen ausgestoßen haben. Wie sie aber stumm ge­worden find, darüber berichtet die Sage: