Teil eines Werkes 
1 (1912) Sagen
Entstehung
Seite
14
Einzelbild herunterladen

I

14

Einigen galt das Tier als Abbildung des Vampyrs, eines unheimlichen Vogels, von dem man früher in Berlin viel zu er­zählen wußte. Er soll nachts den Schlafenden das Blut aus­gesogen und sie so getötet haben. Dieser Aberglaube war vor 200 Jahren in Berlin weit verbreitet, und selbst Friedrich Wil­helm I. behauptete, daß er nachts in seinem Schlafzimmer einen großen Vogel gesehen habe, der aber durch den Kammerdiener verscheucht wurde.

Otto Monke (Berliner Sagen und Erinnerungen).

13. Die heilige Gertrud auf der Gertraudtenbrücke.

Die heilige Gertrud soll eine Tochter des Pippin von Landen gewesen und im Jahre 659 als Äbtissin des Klosters in Nivelles bei Brüssel gestorben sein. Sie war mildtätig gegen Kranke und gründete Hospitäler, sowie Herbergen für Reisende, von denen sie denn auch besonders verehrt wurde. Das Spittel (Hospital) vor dem ehemaligen Teltower Tore und die 1881 abgebrochene Spittelkirche auf dem Spittelmarkt waren nach ihr benannt, und neuerdings hat man ihr auf der nahen Brücke ein Denkmal er­richtet. Da kreuzt die Straße den Wasserweg; darum ist diese Stelle für sie ganz besonders passend. Zu ihren Füßen kniet einfahrender Schüler", dem sie einen Trunk reicht. Lächelnd blickt die Heilige zu ihm nieder und übersieht absichtlich die ge­stohlene Gans, die der Bursch an einer Leine mit sich führt. Zu den Wanderern gehören nach dem Volksglauben aber auch die Seelen der Verstorbenen; sie verwandeln sich, wie man sagt, in Mäuse und kommen in der ersten Nacht nach dem Tode zur hl. Gertrud, in der zweiten zum hl. Michael und erst in der dritten dahin, wohin sie gehören, wie sie es verdienen. Darum umgibt ein Mäusekranz den Sockel des Standbildes. Weil nun die hl. Gertrud eine Beherrscherin der Mäuse ist, kann sie auch die Fluren und Felder vor Mäusefraß beschützen, wenn sie will. Deshalb beten die Landleute zu ihr und bringen ihr in jedem Jahre am 17. März, ihrem Gedächtnistage, die ersten Frühlingsblumen. Daher sprießen auf dem Denkmal zu ihren Füßen Lilien.

Nach einer alten Sage liegt das Reich der Toten unter der Erde, und die Todesgöttin Hel oder auch Frau Holle führt dort die Herrschaft. Frau Holle ist aber gleichzeitig die Beschützerin