Teil eines Werkes 
1 (1912) Sagen
Entstehung
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hatte ihm Handgeld aufgedrungen, und als er am andern Morgen aus seiner Betäubung erwachte, war er Rekrut und wurde noch an demselben Tage in Potsdam abgeliefert. Hier erwartete ihn ein hartes, trauriges Leben, und oft war er im Begriff, feine Leiden durch einen Selbstmord zu enden. Immer aber hatte ihn noch die Hoffnung davon abgehalten, daß er Gelegenheit finden würde, zu fliehen und so zu den geliebten, trauernden Eltern zurückzukommen. Manche Pläne hatte er entworfen, mancherlei wurde mit seinen Unglücksgefährten, wenn sie sich unbehorcht glaubten, besprochen; doch schreckte ihn, den Versuch zu wagen, die Furcht vor der grausamen Strafe ab, die er so oft an den wieder eingebrachten Flüchtlingen mußte vollstrecken sehen.

So war er zwei Jahre Soldat gewesen, und immer un­erträglicher ward ihm sein Zustand. Da er aber still und gehorsam war, auch nie trank und spielte, waren ihm seine Vorgesetzten gut und fingen an, ihn weniger streng zu bewachen. Da machte er den Plan, er wolle in der nächsten Nacht vom Sonntag zum Montag, wo kein Mondschein war und er die Stallwache hatte, durch die Havel schwimmen, leise zwischen den Posten auf dem Wall hindurchkriechen und dann längs dem Ufer der Nuthe fort­zukommen suchen oder sich im Schilf bis zur nächsten Nacht ver­bergen. Herzlich und brünstig betete er am Sonntagmorgen in der Kirche und dachte den ganzen Tag an seine lieben Eltern, um seine Gedanken von den möglichen Folgen seines gewagten Unternehmens abzuwenden.

Am Abend hatten seine Kameraden reichlich gezecht, und die Wachmannschaft im Stalle war unaufmerksam und schläfrig. Eine Stunde nach Mitternacht kniete er noch einmal nieder, konnte aber nicht beten; sein Herz pochte so laut, daß er fürchtete, man möge es hören. Dann streichelte er noch zum Abschied seinen Schimmel, den er sehr liebte und der auch ihm sehr zugetan war, und schlich sich hinaus in die dunkle Nacht.

Glücklich kam er durch die öden Straßen. Unhörbar schwamm er über den Strom, und schon hatte er das andere Ufer erreicht, als er hinter sich laut plätschern und schnauben hörte.Wer da!" erscholl der Ruf der Wachen. Ängstlich barg er sich auf dem Boden; aber immer näher rauschte es hinter ihm, und von beiden Seiten hörte er die Tritte der Kommenden. Da hob sich eine weiße Gestalt, sich schüttelnd, aus dem Wasser, und der arme