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übrigen Fischersleuten zu: „Der Abt ist da!" Der bittre Groll der Wenden gegen den deutschen Eindringling brach in lichte Flammen aus. Mit wildem Geschrei stürzten alle ins Dorf, umstellten das Haus und drangen auf den Abt ein, der sich, als er wahrnahm, daß ihm dieser Angriff gelte, samt seinem Begleiter durch die Flucht zu retten suchte. Der nahe Wald bot vorläufig Schutz; aber die verfolgenden Dörfler waren ausdauernder als der ältliche und wohlbeleibte Abt, der es endlich vorzog, einen Baum zu erklettern, um, gedeckt durch das dichte Laubgebüsch, seinen Verfolgern zu entgehen. Der Mönchsbruder eilte inzwischen vorauf, um Hilfe aus dem Kloster herbeizuholen. Abt Sibold schien gerettet; aber ein Schlüsselbund, das er beim Erklettern des Baumes verloren hatte, verriet sein Versteck und brachte ihn ins Verderben. Die wilden Burschen hieben die Eiche um und erschlugen den am Boden Liegenden. Als die Mönche kamen, wurden sie ebenfalls angegriffen und konnten sich vor der Wut der aufgeregten Fischer kaum ins Kloster zurück retten. Sie beschlossen, die Mauern des Klosters, das in so gefährlicher Gegend stand, auf immer zu verlassen. Aber den Abziehenden erschien die Jungfrau Maria und rief ihnen zu: „Kehret zurück! Es soll euch an nichts fehlen." Diese Worte flößten allen ein neues Gottvertrauen ein und veranlaßten sie zu mutigem Ausharren.
Nach Theodor Fontane (Havelland).
44. Der Harlungerberg bei Brandenburg.
Es gibt der sagenberühmten Stätten viele in der Mark Brandenburg; — keine unter ihnen aber kann dem Harlungerberge bei Alt-Brandenburg den Rang streitig machen. Nun thront auf ihm das großartige Denkmal, welches die Provinz Brandenburg ihren im Heldenkampfe von 1870 und 1871 gefallenen Söhnen gesetzt hat, — ein massiger Turm mit gotischen Zinnen. Vor elf Jahrhunderten aber stand hier inmitten einer heiligen Waldung ein Triglavtempel, in welchem das heilige Roß des dreiköpfigen Gottes den Wendenfürsten Orakel gab. Als das Licht des Christentums seinen Weg auch zu den harten Herzen der Liutizen gefunden hatte, da erhob sich hier die erste christliche Kirche in der Mark Brandenburg, — ein schlichtes Gotteshaus