Teil eines Werkes 
1 (1912) Sagen
Entstehung
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der heiligen Jungfrau. Wie nun die Glocken von hier aus weit­hin über Wald und See, über Sumpf und Röhricht in feierlicher Sonntagsstille dahinklangen, da, so erzählt die Sage, wichen die Geister der Finsternis, die Gespenster und die Schlangen.

Das erste christliche Kirchlein aber, es sank in dem furcht­baren Völkerringen zwischen Deutschen und Slaven noch oft­mals in Asche, bis endlich das Kreuz durch Albrechts des Bären starke Hand dauernd auf den Havelbergen aufgerichtet wurde. Die Kuppe des Harlungerberges ist demnach mit Strömen von Heldenblut gedüngt. Ja, fürwahr, es hat unendliche Mühe ge­kostet, die Mark Brandenburg zu gründen!

Wir wissen nicht anzugeben, warum dieser Berg bei Branden­burg den Namen der Härtungen trägt, jener Helden von Brescia oderBreisach", der Verwandten des Gotenkönigs Ermanrich und Dietrichs von Bern, die nach alter Sage unrühmlich genug am Galgen endeten; die wahrscheinlichste Erklärung aber ist die, welche die Hartungen als goldhütende Zwerge auffaßt. Solche läßt die deutsche Sage allüberall in Bergen wohnen. Ehe noch die Wenden an die Havelufer kamen, sah der germanische Ureinwohner der Mark im Schoße des Berges die Harlungen an ihren Ringen, Spangen und Ketten von rotem Golde hämmern und meißeln. Ihrer Verführung, dem schimmernden Reize des Goldes, unterlag selbst die Göttermutter Freya, sie verkaufte ihre Schönheit um des Schatzes gleißenden Schein; Wodan aber hängte die Verbrecher, die Harlungen, schnell richtend, an einem Galgen aus. Erdgottheiten, finstere Gesellen, die des Lichtgottes glänzende Gemahlin zu sich hinabführen, die aber bei des nächsten Lenzes Einzug dem siegenden Gotte doch unterliegen müssen, so er­scheinen uns also in der ältesten Form der Sage die Harlungen. Eigentümlich aber hat die norddeutsche, später nach Skandinavien hinübergetragene Sage diesen naturgeschichtlichen Gedanken zu einem Mythus von den Harlungen auf dem Berge bei Branden­burg umgewandelt.

Auf jener Anhöhe, die hoch über die herrlichen Haveltäler sich erhebt so berichtet uns nämlich die Wilkinasage hauste einst der Jarl Jron von Brandenburg, ein kühner Jäger und ein ritterlicher Herr, der mit seinem Tatenruhme die Welt er­füllte. Doch nicht allein des Sieges Freude, auch der Gefangen­schaft Leiden lernte der Fürst kennen; ein König Salomon, in