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Zu diesem Schuster hatte ein würdiges Ehepaar aus Bernau seinen Erstgebornen, einen schmucken Jungen von 14 Jahren, in die Lehre getan. Die Frau Meisterin aber führte das Regiment im Hause, und so mußte der Lehrjunge denn nicht nur in der Werkstatt auf dem Dreibein sitzen und auf die Lehren des würdigen Meisters hören, sondern er wurde auch oft in der Küche beschäftigt und mußte allerlei häusliche Besorgungen ausrichten.
2. Als er einige Tage bei dem Meister war, bekamen die Schustersleute Besuch, und die Meisterin wollte Bier holen lassen. Sie nahm vom Sims also eine kupferne Flasche mit zinnerner Schraube, die einige Maß hielt. Die steckte sie dem Jungen nebst Geld in die Hand, schob ihn zum Hause hinaus und befahl ihm, Bernauer Bier zu holen und flugs wieder zurückzukommen. In der Eile hatte sie aber vergessen, ihm zu sagen, daß er das Bernauer Bier aus dem Berliner Ratskeller holen solle.
So macht sich unser Junge denn munter auf, geht mit der schweren Bierflasche die Georgenstraße entlang, durch das Georgentor und dann immer weiter nach Bernau. Unterwegs fragen ihn wohl Vorübergehende auf der Landstraße, die ihn die Flasche schleppen oder zuweilen auf einem Steine ausruhen sehen: „Junge, was machst du hier auf der Landstraße mit der großen Flasche?" Dann erwiderte er jedesmal: „Ich lerne Schuster" und setzte seinen Weg emsiger als zuvor fort.
Der Junge läuft zwar wacker; aber die Stunden laufen auch, und der Meister läßt endlich durch den andern Lehrjungen Bier holen. Als aber der Tag zu Ende ging und der Junge gar nicht wiederkehrte, glaubte der Meister, der Bösewicht wäre mit Flasche und Geld auf und davon gegangen. Die Meisterin aber klagte über ihre Flasche, die sie noch von ihrer seligen Mutter als Brautschatz mitbekommen hätte, und schimpfte über den Bernauer Lehrjungen.
3. Der aber war kurz nach Sonnenuntergang in Bernau angelangt. Seine Mutter erschrak gewaltig, als sie ihn unvermutet in die Stube treten sah; der Vater aber redete ihn hart an, daß er schon wieder heimkomme. Da erzählte der Junge, er sei ausgeschickt, um in der schweren kupfernen Flasche Bier aus Bernau zu holen. Als das die Eltern hörten, klagten sie laut über die Härte des Meisters, daß er um etlicher Groschen Bieres willen das
Nohl, Unsere Mark Brandenburg. I. Teil. 8