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arme Kind einen so weiten Weg geschickt hätte. Der Junge aber war müde, aß tüchtig zu Nacht und legte sich aufs Ohr.
Am andern Morgen fragte die Mutter ihren Sohn um Rat, was wohl mit ihren Schuhen zu machen sei, an denen die Absätze schief getreten und die Sohlen durchgelaufen waren. Der Junge betrachtete die Schuhe aufmerksam und sagte: „Nächsten Jahrmarkt ein Paar neue kaufen!" Da meinte die Mutter, für die kurze Lehrzeit verstände sich der Junge schon erstaunlich aufs Schuhwerk, und sie beschloß, seinem Rate zu folgen. Dem Vater aber redete sie zu, doch etliche Meilen mitzugehen, damit dem armen Kinde die Last nicht gar so schwer werde.
4. So machten sich die beiden denn auf den Weg nach Berlin, der Junge mit dem Vater und der Vater mit der kupfernen Bierflasche. Eine Meile vor Berlin kehrte der Vater um, und der Junge nahm die Flasche, die er nur mühsam fortschleppte und aus einer Hand in die andre wandern ließ. Kurz vor der Stadt kommt ihm der andre Lehrjunge seines Meisters entgegen, der einige Paar Stiefel über Land zu tragen hatte. Als der ihn sieht, fragt er ihn, wo er herkomme. Unser Schusterjunge antwortet, er bringe das Bier, das er aus Bernau für den Meister geholt habe. Da fängt der andre an zu lachen und sagt: „Na, du wirst redlich mit dem Knieriemen empfangen werden, wenn du nach Hause kommst. Aus dem Rathauskeller solltest du ja das Bier holen, und weil du nicht wiedergekommen bist, denkt der Meister, du wärest mit dem Gelds und der Flasche durchgegangen. Geh nur nach Hause, die Meisterin ist arg böse, du wirst es schon erfahren!" Damit läuft der Junge seines Weges einen Fußsteig querfeldein.
II. Vom Schusterjungen zum Rittmeister.
1. Der arme Schusterjunge sah nun den Fehler ein, den er begangen hatte, und war voller Angst vor der Strafe. Er stand eine Zeitlang und überlegte mit Zagen, was wohl am besten zu tun sei. Endlich beschließt er, weder nach Berlin noch nach Bernau zurückzukehren, da ihn dort nur der Knieriemen, hier Beschämung über seine Dummheit erwarte, die er um so schwerer ertragen könne, als die Eltern eine so gute Meinung von seiner Einsicht gehabt hätten. Die Flasche mit dem Bier aber kann er