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Einer der Lehnsvettern des Hauses, voll Verlangen nach dem Besitz der Uchtenhagens, wußte dem Knaben eine prächtige Goldbirne zu reichen, die mit einem langsam wirkenden Gifte vergiftet war. Ein Bologneser Hündchen, das den Knaben auf Schritt und Tritt zu begleiten pflegte, sprang, als dieser die Birne essen wollte, an ihm herauf, halb liebkosend, halb geängstigt, um dem Knaben mit der Vorderpfote die Birne aus der Hand zu reißen. Aber Kaspar nannte ihn lachend ein „neidisches Tier" und aß die Birne. Alsbald begann den Knaben eine Traurigkeit zu beschleichen; seine Lebendigkeit verlor sich, und sein Auge wurde matt. So verging er wie eine Blume. Seine Mutter saß in der Sterbenacht an seinem Bett; da richtete er sich noch einmal auf, küßte der Mutter die Hand und sprach sterbend, aber leise vernehmlich vor sich hin:
Alle Liebe ist nicht stark genung: ich muß doch sterben und bin so jung!
Um Mitternacht aber glühen die Fenster der alten Kirche, in der der letzte Uchtenhagen ruht, plötzlich in rotem Lichte auf, und die Gestalt Kaspars in weißem Sterbekleide und mit glattanliegendem Haar tritt vor den Altar und spricht leise, aber vernehmlich in das Kirchenschiff hinunter:
Alle Liebe ist nicht stark genung: ich muß doch sterben und bin so jung.
Und wenn der Ruf verhallt ist, erlischt der rote Schein in den Fenstern, und alles ist wieder wie zuvor.
Th. Fontane (Oderland).
93. Die letzten Uchtenhagen.
Mit häßlichem Gekrächz stiegen Krähen aus den Kiefern auf, als wollten sie den Himmel bedecken. Der Wald regte sich nicht von dem Flügelschlag der schwarzen Vögel. Da stiebt wohl etlicher Schnee; aber er fiel dick, in Klumpen herab. Es wuchtete, dröhnte und klang von Hufen, Erz und Eisen. „Die Feinde!" schrie einer. Er hätt's nicht nötig gehabt, Flüchtlinge haben ein scharf' Ohr. Wie scheues Wild sprangen sie von ihrem Lager. Ist jede Flucht, wo der Feind hinter dem Heere ist, voll Wirrwarr, zumal aber in der Nacht, wenn sie schlaftrunken nieder-