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6. Den hatte der Vetter mit List umgarnt, geküßt den Mund, den roten,
und hatt' dem Kleinen ungewarnt vergiftete Frucht geboten.
7. Der Knabe nahm die Frucht und aß, und aß sich das Verderben.
Die Mutter weinend am Bette saß, der Knabe mußte sterben.
8. „All' Liebe ist nicht stark genung, mein Schifflein fährt zum Hafen.
Ich muß doch sterben und bin so jung!" — Dann ist er eingeschlafen.
9. Vorüber rauscht der Zeiten Strom, die grauen Nornen weben . . .
Nur Simons und Judä im alten Dom erwacht vergangnes Leben.
10. Die Särge stehn in langen Reih'n, es strahlt ihre silberne Habe.
Vom Grabgang blitzt ein roter Schein: es kommt herauf der Knabe.
11. Still blühen bleiche Rosmarin in seinem goldnen Haare.
Gedämpfte Orgelklänge ziehn hinüber zum Altäre.
12. Er spricht — die Stimme süß und jung — die Trauerworte wieder:
„All' Liebe ist nicht stark genung ..." Und kniet zum Beten nieder.
13. Da klirrt's herauf. Da klingt ringsum ein wildes, wehes Klagen. . .
Zur Totenkammer neigt sich stumm der letzte Uchtenhagen.
Erich Ritter.